Von Hans Krieger

Am 9. Mai 1928 schrieb Sigmund Freud Lou Andreas-Salome: "Wir haben hier einen Dr. Reich, einen braven, aber impetuösen jungen passionierten Steckenpferdreiter, der jetzt im genitalen Orgasmus das Gegengift jeder Neurose verehrt. Vielleicht könnte er aus Ihrer Analyse der K. etwas Respekt vor der Komplikation des Seelischen lernen."

Der junge "Steckenpferdreiter" hatte damals mit einunddreißig Jahren bereits eine beachtliche wissenschaftliche Karriere hinter sich. Schon als Medizinstudent war er zu Freud gestoßen und in die Wiener Psychoanalytische Gesellschaft als Mitglied aufgenommen worden, er war erster klinischer Assistent, dann stellvertretender Direktor der Psychoanalytischen Poliklinik geworden, hatte ein technisches Seminar über methodische Probleme der Neurosentherapie angeregt und schließlich dessen Leitung übernommen und der psychoanalytischen Theoriebildung durch eine Reihe wertvoller klinischer Arbeiten entscheidende und oftmals kritische Impulse gegeben ("Der triebhafte Charakter", "Die Funktion des Orgasmus", "Die therapeutische Bedeutung der Genitallibido", "Über die Quellen der neurotischen Angst").

Freud muß anfangs große Stücke von diesem kräftigen und temperamentvollen Bauernsohn gehalten haben, der sich im Nu in das schwierige Gedankengebäude der Psychoanalyse hineingearbeitet hatte (als Student im dritten Semester hatte er seinen ersten Patienten), kritischen Instinkt für deren Unerledigtes und Problematisches entwickelte und fast ohne Übergang aus der Position des lerneifrigen Schülers in die vorderste Front der forschenden Mitstreiter vorgerückt war.

Erst die Öffnung des Sigmund-Freud-Archivs wird über die Stellung des Meisters zu dem einzigen seiner Schüler, der sich selbständig machte, ohne jemals undankbar zu werden, vollen Aufschluß geben. Sie dürfte so zwiespältig gewesen sein wie Freuds Haltung in jenem Punkt, der schließlich zum Anlaß der Trennung wurde: der Anwendung der Libidotheorie auf die gesellschaftliche Praxis.

Wohlwollende, leicht herablassende Ironie scheint in dem Briefzitat tiefes Unbehagen, wenn nicht gar ein Gefühl der Bedrohung beschwichtigen zu wollen. Hatte der Briefschreiber vergessen, welch fundamentale Bedeutung für seine eigenen wissenschaftlichen Entdeckungen einmal der Charcotsche Satz gehabt hat: "Mais, dans des das pareils, c’est toujours la chose genitale, toujours, toujours, toujours"?

"Der Sexualprozeß, mit anderen Worten der expansive biologische Lustprozeß, ist der produktive Lebensprozeß schlechthin! Das ist viel auf einmal und klingt fast ,zu einfachDiese Einfachheit‘ bildet das Geheimnis, das manche in meiner. Arbeit wittern", schrieb Wilhelm Reich zwölf Jahre später, als er im amerikanischen Exil die Stationen seines wissenschaftlichen Weges rückschauend zusammenfaßte.