Es ist schwer und gefährlich, historische Epochen miteinander zu vergleichen. Es ist unmöglich, unsere Epoche mit irgendeiner vergangenen zu vergleichen. Sie ist einzigartig.

Von der ersten Flugmaschine zur Landung auf dem Mond, von der ersten Dampfmaschine zum Atomkraftwerk, von der handbetriebenen Rechenmaschine zum elektronischen Computer, vom Edisonschen Phonographen und dem Bellschen Telephon zum direkten Fernsehempfang der Mondlandung, von den ersten Granaten zur interkontinentalen Rakete mit Wasserstoffsprengkopf – alles innerhalb von knapp hundert Jahren.

In den Handwerkergilden des Mittelalters war es streng verboten, daß einzelne Meister sich persönliche Vorteile verschafften, indem sie bei ihrer Arbeit irgendeine neuartige Technik, neue Materialien oder Werkzeuge benutzten. In Indien, in der Riesenstadt Neu-Delhi, sah ich noch in unseren Tagen in einem Handwerksbetrieb einen alten Mann, der in einem großen Laufrad lief, das über lange Treibriemen verschiedene kleine Drechselbänke und Bohrer antrieb. Auf meine Frage, warum man nicht einen kleinen Elektromotor verwende, hieß es: Dann wären unsere Produkte keine "reine" Handarbeit. Seitdem diese Vorurteile geschwunden sind und es erlaubt ist, sich unbegrenzt persönlichen Vorteil zu verschaffen, indem man besser, billiger und schneller produziert als der Konkurrent, begann das Zeitalter des technischen Fortschritts und des modernen Kapitalismus.

Der Kapitalismus lebt vom technischen Fortschritt und produziert ihn. Marx prophezeite, daß die kapitalistischen Produktionsverhältnisse, also die private Aneignung von Produkten, die gesellschaftlich produziert werden, im Laufe der Zeit immer mehr zu Fesseln der Entwicklung der Produktivkräfte werden müssen. Der sich immer mehr verschärfende Widerspruch zwischen Arbeit und Kapital werde schließlich zur revolutionären Umwälzung der Gesellschaft führen, zur sozialistischen Revolution, die an die Stelle der kapitalistischen neue sozialistische Produktionsverhältnisse setzt, wodurch die Entwicklung der Produktivkräfte, von ihren Fesseln befreit, einen neuen, stürmischen Aufschwung zum Wohle der ganzen Menschheit nehmen werde.

Marxens Prophezeiungen sind bisher nicht eingetroffen. Der Kapitalismus ist gerade in den Ländern am wenigsten von revolutionären Kräften bedroht, wo sich der technische Fortschritt am weitesten entwickelt hat. Statt dessen fand die erste siegreiche sozialistische Revolution in einem sehr rückständigen Lande, im zaristischen Rußland statt, hauptsächlich ermöglicht durch die militärische Niederlage Rußlands im Ersten Weltkrieg. Aber die sozialistische Revolution in Deutschland scheiterte, sosehr sie auch durch die Wirren der Niederlage begünstigt war. Erst im Gefolge des Zweiten Weltkrieges gelang es, die Revolution weiter auszubreiten. Mit dem Sieg der Roten Armee über die Hitler-Wehrmacht siegte in den osteuropäischen Staaten auch die Revolution, nur Finnland, Österreich und Griechenland ausgenommen. Mit dem Zusammenbruch Hitlerdeutschlands entstand auch der erste sozialistische deutsche Staat, die DDR.

Die wahrscheinlich folgenschwerste sozialistische Revolution nach dem Zweiten Weltkrieg aber fand im riesigen China statt. Sie wurde weitgehend selbständig und nur durch den Zusammenbruch Japans begünstigt von den chinesischen Kommunisten erkämpft. Und schließlich Fidel Castros Revolution in Kuba, ein Sieg des Kommunismus ohne die kommunistische Partei, ohne jede Hilfe von außen, in einem kleinen Land direkt vor den Toren der USA, von denen es als Monoproduzent von Zucker total wirtschaftlich abhängig war.

Lenin erklärte den Sieg der sozialistischen Revolution in einem rückständigen Lande mit seiner Theorie vom schwächsten Kettenglied. Die kapitalistische Kette riß nicht da zuerst, wo sie am stärksten war, sondern im rückständigen Rußland. Aber die Hoffnung der russischen Revolutionäre, daß, wenn die Kette erst einmal gerissen ist, auch der ganze daran hängende Kapitalismus in den Abgrund stürzen werde, erfüllte sich nicht. Trotzki bestritt, daß es überhaupt möglich sei, den Sozialismus in einem Lande, noch dann in einem politisch und ökonomisch derart rückständigen Lande wie Rußland, aufzubauen. Die Revolution dürfe nicht zum Stillstand kommen, sie müsse permanent sein.