Es handelt sich vom Standpunkt der marxistischen ökonomischen Theorie gesehen um die Folgen der Nichtbeachtung der Wirkung des Wertgesetzes. Dies Gesetz wirkt auch in einer sozialistischen Wirtschaft. In der ČSSR war – vor vielen Jahren – das Mißverhältnis zwischen den Fleischpreisen und dem Brotpreis so kraß, daß man billiger zu Fleisch kam, wenn man ein eigenes Schwein oder Kaninchen mit dem billigen Brot fütterte. Das Wertgesetz verlangt, daß der Wert einer Ware und ihr Preis – von konjunkturellen Schwankungen abgesehen – auf die Dauer nicht voneinander abweichen dürfen. Der Wert ist eine abstrakte Größe. Er wird durch die gesellschaftlich notwendige Arbeitsmenge bestimmt, die zur Produktion einer Ware erforderlich ist. Der Preis ist eine konkrete Größe. Er wird in einer Marktwirtschaft durch Angelot und Nachfrage auf dem Warenmarkt täglich ausgehandelt. Steigt die Nachfrage, so steigt der Preis. Steigt der Preis, so stimuliert der erzielbare Mehrgewinn die Produktion, wodurch das Angebot steigt und der Preis wieder sinkt. Der Markt ist ein kybernetisches Regelsystem der Wirtschaft. Stalin erklärte es für ein Grundgesetz der sozialistischen Ökonomie, daß der Markt keine Rückwirkung auf die Produktion haben dürfe. Aber ein Markt, der keine solchen Rückwirkungen hat, ist überhaupt kein Markt, sondern nur eine meist schlecht und ungerecht funktionierende Verteilungsstelle von rationierten Waren. Solange die Warenproduktion nicht ausreicht, um die Nachfrage zu befriedigen, kommt man zur Not mit einem solchen Marktersatz aus. Sowie aber in einem sozialistischen Staat angebotene Waren keinen Käufer mehr finden, weil die Preise zu hoch sind, muß der Staat entweder die Preise senken oder die Produktion einschränken. Beides tut er, wenn auch nur äußerst ungern.

Die Notwirtschaft der stalinistischen Periode hat zu einer Reihe völlig unhaltbarer fixer Ideen in den Köpfen der Parteiökonomen geführt. Weil sich auf dem Markt der kapitalistische Gewinn realisiert, hielt man einen echten Markt, auf dem die Preise nach Angebot und Nachfrage ausgehandelt werden, für eine böse Sache, wo die Käufer betrogen und die Ausbeutung ihren Höhepunkt erreicht. Daß nach Marx die Ausbeutung in der Produktionssphäre vor sich geht, daß auf dem Markt äußerstenfalls das Verkaufspersonal ausgebeutet wird und daß auf dem kapitalistischen Markt nur durch die Fixierung von Kapital in Warenbeständen und Handelseinrichtungen eine relativ geringfügige Umverteilung des in der Produktion gewonnenen Mehrwerts stattfindet, schien man vergessen zu haben. Tatsächlich wird auf dem Markt praktisch kein Mehrwert gewonnen. Der Markt ist eine äußerst zweckmäßige Methode zur automatischen Regulierung der wirtschaftlichen Prozesse und ermöglicht die optimale Befriedigung der Wünsche der Käufer. Natürlich dient der Markt im Kapitalismus den Interessen des Kapitals. Warum sollte er im Sozialismus nicht ebenso gut und besser den Interessen der Allgemeinheit dienen?

Der vollkommen freie Markt der liberalistischen Theorie existiert natürlich nirgends und hat nie existiert. Immer wurde und wird der Markt manipuliert. Im Kapitalismus von großen Konzernen und Trusts und neuerdings auch in wachsendem Maße vom Staat. Auch der sozialistische Staat wird den Markt manipuliern: im Interesse der Landesverteidigung, der wirtschaftlichen Unabhängigkeit – und schließlich zur Förderung seines eigenen Absterbens und im Maße dieses Absterbens. Indem der Staat abstirbt, wird auch der Markt verschwinden. Denn der Markt wird überflüssig werden in dem Maß, wie der gesellschaftliche Konsum an die Stelle des individuellen Konsums treten wird. Im Kommunismus schließlich wird es keinen Markt mehr geben.

Viele der Ideen, die ich hier nur angedeutet habe, werden seit Jahren von verschiedenen marxistischen Theoretikern in den sozialistischen Ländern diskutiert: von Oskar Lange in Polen, Liberman in der Sowjetunion, Fritz Behrens in der DDR und Ota Šik in der ČSSR. Erste Versuche von wirtschaftlichen Reformen wurden bereits unternommen. In der DDR hat man versucht, durch Industriepreisreformen die allzu schroffen Verletzungen des Wertgesetzes schrittweise abzubauen. Aber die Ideen dieser Reformer sind in den letzten Jahren wieder zunehmend in Mißkredit gekommen. Sie werden als die Repräsentanten des modernen Revisionismus angefeindet.

Die Schwierigkeiten kommen einfach daher, daß ökonomische Fragen immer zugleich politische Fragen sind, daß sie Machtfragen sind. Man kann die stalinistische Wirtschaft nicht ökonomisch reformieren, ohne sie zugleich politisch zu reformieren, das heißt, ohne den Stalinismus als politisches System zu überwinden. Die wirtschaftliche Demokratie, also die Herrschaft des Volkes über die Wirtschaft, erfordert die Verwirklichung der politischen Demokratie, also den Übergang zum demokratischen Sozialismus. Und dies erst bedeutet politisch und gesellschaftlich die Vollendung der sozialistischen Revolution.

Die Kommunisten der ČSSR taten im Januar 1968 diesen entscheidenden Schritt zur Vollendung der sozialistischen Revolution. Nach langen Jahren der Unterdrückung und der Verbrechen des stalinistischen Novotny-Regimes, das die Wirtschaft des Landes zerrüttet und Wissenschaft, Kunst und Literatur geknebelt hatte, siegte im Zentralkomitee eine Gruppe von Reformern unter der Führung von Alexander Dubcek. Es war eine Revolution von oben, der Sieg der besseren Kommunisten über die Stalinisten. Sie verbanden zum erstenmal nicht nur mit Worten, sondern in ihren Taten die Ideen des Sozialismus mit der Idee der Freiheit. Das Ergebnis war die breiteste Massenzustimmung, die je einer kommunistischen Partei zuteil wurde, in erster Linie bei den Industriearbeitern und den Studenten.

Die acht Monate vom Januar bis zum August 1968 waren eine Zeit der großen Hoffnungen. Was in der ČSSR geschah, war wie die endliche Verwirklichung eines alten, schon fast nicht mehr geglaubten Traums. Sozialismus und Demokratie sollten in Einklang gebracht werden. Die faszinierenden Ausstrahlungen der Entwicklung in der ČSSR wuchsen von Monat zu Monat. Im Mai kam es zu den schweren revolutionären Kämpfen in Frankreich, die fast zum Umsturz führten. Aber die Bewegung lief sich tot, weil ihr eine klare und entschlossene Führung fehlte. In der ČSSR ging die Entwicklung unaufhaltsam vorwärts, bis zu jenem unheilvollen, schwarzen Tag in der Geschichte der kommunistischen Bewegung, als die Truppen von fünf Staaten des Warschauer Paktes einmarschierten und das Land besetzten, das den Weg zu einem menschlichen Sozialismus eingeschlagen hatte.