Von Gerhard Brunner

Daß Terpsichore seit vielen Jahren in der amerikanischen Emigration lebt, ist für uns Europäer eine zwar ernüchternde, aber unumstrittene Gegebenheit. Irgendwann nach dem Zweiten Weltkrieg hat der alte Kontinent seine Vorrangstellung endgültig verloren.

Die Formel ist schlagkräftig, aber unpräzise. Denn der wirklich amerikanische Beitrag zur neueren Tanzgeschichte war es, auf Trikots und Spitzenschuhe als die Attribute des handlungslosen Balletts zu verzichten. Martha Graham, die alle wesentlichen Einflüsse ihrer amerikanischen und europäischen Vorläuferinnen absorbiert hat, prägte jene Ausdrucksform, die man gemeinhin als Modern Dance bezeichnet.

Martha Grahams stilbildender Beitrag ist heute bereits Geschichte. Im Verein mit Doris Humphrey, der anderen großen matriarchalischen Gründerfigur der zweiten Generation, hat sie so gut wie alle Angehörigen der heutigen Avantgarde beeinflußt. Freilich sind Merce Cunningham, Paul Taylor und viele andere längst über jenes Stadium der Weltdarstellung hinausgediehen, in dem Martha Graham den Geheimnissen der Psyche nachspürte. Modern Dance ist heute nur noch ein Sammelname für eine Vielfalt von theatralischen Unternehmungen.

Man muß sich diese amerikanische Gegebenheit vor Augen halten, um jene Entwicklung zu verstehen, die sich neuerdings an einigen Punkten der Alten Welt abzeichnet. Amerika beginnt nämlich die Entwicklungshilfe von einst verzinst zurückzuzahlen. Und jene Orte, wo der Einfluß am deutlichsten sichtbar wird, sind Den Haag, London und Tel Aviv. Beim Nederlands Dans Theater, beim Ballet Rambert und bei der Batsheva Dance Company, die sich bei den Berliner Festwochen nun auch in Deutschland vorgestellt hat, wird man vergeblich nach Prinzen, Feen und Sylphen suchen.

Von allen drei Ensembles ist die israelische Batsheva Dance Company, der Bethsabée de Rothschild ihr Geld und ihren biblischen Vornamen gegeben hat, im Sinne des Modern Dance die vorläufig konservativste. Im Jahre 1964 gegründet, trug sie von Anfang an den Stempel Martha Grahams, die der jungen, inzwischen sechzehnköpfigen Truppe als künstlerische Beraterin zur Seite steht. Man sollte diese Hilfestellung, allen Vorbehalten zum Trotz, nicht unterschätzen. Weil Martha Grahams Bereitwilligkeit, dem Ensemble sogar einige ihrer Stücke anzuvertrauen, die Truppe nach innen hin entscheidend gefestigt hat.

Heute scheint es aber bereits darum zu gehen, diesen Einfluß wieder abzubauen. Bei aller Bewunderung für die weiche, unforcierte Bewegungseleganz, mit der beispielsweise Rina Schenfeld in "Errand into the Maze" die Ängste Ariadnes ausdeutet, mit der sich aber auch das Ensemble in "Diversion of Angels zu behaupten weiß, wird man sich doch der Tatsache bewußt, wie stark die Werke der Graham an ihre tänzerische Präsenz, aber auch an die Zeit gebunden sind. Hier erweist sich nicht nur der Subjektivismus des freien Tanzes, sondern auch die Erfahrung als Hemmnis, wie schwierig es ist, ihn zu kodifizieren und zu lehren.