Brautkleid bleibt Brautkleid" – der Zungen-Stolperer, der selbst Sprachgewandte zum Stottern zwingt, hatte bisher sogar Berechtigung. Das erste Brautkleid war nun mal das "Weißseidene"; zur "silbernen" und zur nur sehen gefeierten "goldenen Hochzeit" hingegen erschien man im "Schwarzseidenen". Jetzt, da alle Reglements der Mode aus den Fugen geraten sind, müßte es eigentlich heißen: "Bleibt Brautkleid Brautkleid?"

Als Antwort bieten sich an: ein deutliches Ja für diejenigen, die der weißen Hochzeitskutsche zu entsteigen wünschen, Nein aber für Hippie-Bräute, für Mode interessierte Erst-Bräute und Damen, die des öfteren zu heiraten gedenken. So färbte sich eines Tages das unschuldige Weiß in kosmetisch zartes Puderrosa oder Lidschattenblau. Der lange. Schleier wurde bedeutend gestutzt, die Myrte ging verloren.

Weiß, für Bräute, rückte jedoch alsbald wieder an die erste Stelle, und allen Konventionellen wurde die weiße Mini-Braut schnell zum Dorn im Auge. Heute ist sie kaum mehr gefragt. Heute verwandelt sich die Braut, in ein romantisches; Wesen, gleicht einer lieblichen Nonne mit Haube; im Sommer wird sie ein ländliches Geschöpfin duftig weißem Batist mit spitzenbesetzten, unter dem Kinn gebundenem Kopftuch.Im Winter erscheint sie als Schneeprinzessin mit Schwanenflaumkapuze und zeigt schüchtern wie zur Biedermeierzeit ein Stückchen ihrer langen Hosen, ebenfalls aus Schwanenflaum. Aber, auch Reminiszenzen an die zarteste Kindheit sind beliebt, Baby-Look mit hoher Taille, Rüschen und Häubchen, die recht deutlich an Taufkleider erinnern.

Yves Saint-Laurent brach mit jeder Tradition, als er sein in leuchtende Farben gekleidetes Mannequin im Zigeunerinnen-Look als Sommer-Braut vorstellte, und in seiner kürzlich gezeigten Winterkollektion hat er dasselbe Thema in gedämpften Farben – mit einem prächtigen Patchwork-Rock – weiter ausgespielt.

Auch auf dem Standesamt erscheint die Braut nicht nur mehr im klassischen Kostüm. Standesbeamtekönnen da von allerhand eigentümlichen Verkleidungenberichten, auch können sie rein gar nichts mehr gegen eine Hochzeiterin im korrekten Hosenanzug mit Maxi-Mantel ausrichten.

Noch immer beschließt "die Braut" jede große Modenschau. "Wenn doch die Brautendlich käme", ist oft der sehnlichste Wunsch ermüdeter Einkäuferund Modejournalisten. Kaum ist sie zu sehen, springen alle erleichtert auf. Da dieses einmalige Kleid in vielen Schauen nur mehr als Gag angesehen wird, wie "die Braut im Blumenkäfig mit goldenem Lendenschurz" bei Ungaro, nimmt sie niemand mehr besonders ernst. Der verzweifelte Schrei "Attention, la mariée!", den besorgte Verkäuferinnen ausstoßen, weil sie um den ellenlangen Brautschleier im Getümmel des allgemeinen Aufbruchs bangen, erschallt in letzter Zeit nur noch äußerst selten. Marietta Riederer