Ein Endzeitbewußtsein ohne Beispiel allerorts

Hans Mayer:

Hinter einer Vordergrundliteratur, die auch in der jetzt beginnenden Saison allen zum Trotz den Markt, das Geschäft, die Zeitungen und die Gesellschaft beherrschen wird, spielt sich ein echter literarischer und weltanschaulicher Kampf ab, steht eine Problematik, die namentlich die junge Literatur stark beschäftigt, die ernsthafte junge Literatur, und sie zweifellos auch im kommenden Winter in Anbetracht der Zeitlage noch mehr beschäftigen wird. Bringen wir dieses Problem. auf eine kurze Formulierung, so ist sein Inhalt der Gegensatz zwischen der kollektivistischen und der artistischen Kunst. Die Frage, die diskutiert wird, lautet: hat der Mensch bei unserer, heutigen sozialen und gesellschaftlichen Lage überhaupt noch das Recht, eigene individuelle Probleme zu empfinden und darzustellen, oder hat es nur noch kollektive Probleme zu geben?"

Vor ziemlich genau achtunddreißig Jahren wurden diese Sätze formuliert und vorgetragen. Unter dem Titel "Die neue literarische Saison" hielt Gottfried Benn in Berlin einen Rundfunk-Vortrag. Sinnigerweise am 28. August, an Goethes Geburtstag also. Bereits der Titel war schnöde und schnoddrig formuliert. Nicht von Ewigkeiten gedachte Gottfried Benn zu sprechen, sondern von einer höchst reduzierten Jahreszeit der Literatur. Nicht Goethes "ewige. Gefühle" – dafür der Hinweis auf den Ausspruch eines der Mitglieder der damals in Berlin einflußreichen "Gruppe revolutionärer Schriftsteller", der so gelautet hatte: "Das Ewig-Menschliche widert uns an." Konkretheit also und unmittelbare. Aktion. Oder aber: eine Artistik, welche sich dem sozialen Auftrag ausdrücklich verweigert.

Welche Entscheidung damals Gottfried Benn für sich traf, wohl auch treffen mußte nach allein, was sich als lyrische Manifestation mit seinem Namen verbunden hatte, ist bekannt. Mit einer literarischen – Saison, überhaupt einer auf das Zeitliche getrimmten Literatur, hatte. er nichts vor. Allein, seine Äonen waren nicht goetheanisch – was er. ein Jahr später (1932). in der Rede über "Goethe, und die Naturwissenschaften" demonstrieren sollte –, sondern nietzscheawisch. Um Beim abermals, zu zitieren: "Der Mensch, nicht mehr der dicke hochgekämpfte Affe der Darwinschen Ära, sondern ursprünglich und primär, in seinen Elementen als metaphysisches Wesen angelegt, nicht der Zuchtstier, nicht der Sieghafte, sondern der von Anfang, an Seiende, der tragisch Seiende, dabei immer der Mächtige über den Tieren und der Bebauer der Natur."

Wohin diese neue Metaphysik und Artistik bald darauf führen sollte, ist gleichfalls bekannt. Drei Jahre nach dem Berliner Rundfunk-Vortrag beginnt Gottfried Benn (1934) das Vorwort zu seinem neuen Buch über "Kunst und Macht" wie folgt: "Der Nationalsozialismus ist heute eine feststehende geschichtliche Erscheinung; seine Fundamente sind eingelassen in den glanz- und opferdurchtränkten Boden Europas. Er wächst, er richtet sich aus. Er wird Europa geben, und er wird aus Europa nehmen. Er wird die Fluten seiner ahnenschweren Vitalität, durch abgelebte europäische Flächen ergießen, aber er wird sich auch einspinnen in dieses Erdteils alte Geschichte, denn seine Kraft ist sowohl treibend wie sammelnd, geschichtsgebunden wie revolutionär, und seine Tendenz im ganzen ungemein synthetisch."

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