Hans Werner Henze: "Das Floß der Medusa"; Edda Moser, Dietrich Fischer-Dieskau, Charles Regnier, RIAS-Kammerchor, Hamburger Knabenchor St. Nikolai, Chor und Symphonie-Orchester des Norddeutschen Rundfunks Hamburg, Leitung: Hans Werner Henze; Deutsche Grammophon Gesellschaft 139 428/29, 50,– DM.

Ein zweifellos seltenes Ereignis: auf der Schallplatte wird ein Stück vorgelegt, das bisher noch nicht uraufgeführt wurde. Man erinnert sich: Vor der geplanten Premiere am 9. Dezember vorigen Jahres brachten junge Leute rote Fahnen, Transparente, Plakate und ein Bild des Widmungsträgers Che Guevara am Podium an, Berliner Sänger weigerten sich, unter der roten Fahne zu singen, NDR-Verantwortliche riefen die Polizei, die die Demonstranten und den Textautor Ernst Schnabel gewaltsam aus der Konzerthalle "verbrachten", die Veranstaltung wurde, noch bevor sie angefangen hatte, abgebrochen. Henzes Ansatz, in einem Oratorio volgare e militare" seine selbstgestellte Frage zu beantworten, ob "der revolutionäre Musiker mit seiner Musik die bestehende Gesellschaft anerkenne oder sie verändere, sie hinnehme oder umzugestalten versuche", konnte nicht zu Ende geführt werden.

Kann die Schallplatte bewerkstelligen, was der Konzertsaal nicht schaffte?

Die Platte ist vielleicht ein musik- und zeitgeschichtliches Dokument: 1968 komponierte Henze lange und schöne lyrische Linien, streng gearbeitete Kontrapunktik, verwendete er sparsam seine virtuos gesetzten und raffiniert gefärbten Orchestertutti; oder: die Uraufführung hätte nach dem Willen des Komponisten in der hier vorliegenden Art klingen sollen (aufgezeichnet sind die Proben); oder: mit den hier vorgelegten Mitteln wollte 1968 ein Musiker seine Solidarität mit der Außerparlamentarischen Opposition bekennen.

Was die Platte nicht überliefert: die vom Komponisten geforderte "Szene" des Oratoriums. Vergebens weist der Sprecher zu Beginn darauf hin: "Dieser Herr übernimmt die Rolle Jean Charles’" – welcher Herr? "Dieses ist die Seite der Lebenden, dies die der Toten" – welche Seite? Das Hinüberwechseln der Lebenden zu den Toten, die Darstellung des vergeblichen Versuchs, den Untergang von Schiff und Floß zu überleben, ist auf dem Podium optisch deutlich zu machen, indem Sänger sich von einer Seite zur anderen hinüber begeben. Akustisch – und die Aufnahmetechnik hat sich da nicht zu helfen gewußt – wird sie nicht realisiert. Mehr noch als diese "akustische Szene" aber fehlt der Platte der Kommentar, der das sozialkritische Engagement Henzes definierte und interpretierte. Ohne ihn wird Henzes Oratorium genau zu dem, was es nicht sein wollte: ein kulinarisches Schwelgen in satten Farben ohne aufklärerische Momente.

Heinz Josef Herbort