Es ging doch nur um zwanzig Tage Einfuhrvorteil", wetterte Hermann Höcherl, scheidender deutscher Agrarminister, am Montag nach Mitternacht beim Whisky im Luxemburger Hotel Kons. Er meinte die Schlacht vom Anfang dieser Woche im EWG-Ministerrat und die Konsequenzen, die sich für die Gemeinschaft aus der Freigabe der deutschen Wechselkurse ergeben.

Bonn hatte, ohne die EWG-Kommission zu fragen, am 29. September an Deutschlands Grenzen eine Einfuhrabgabe von 5,5 Prozent auf etwa 300 landwirtschaftliche Erzeugnisse eingeführt – zum Schutz für die Bauern, denen nach der De-facto-Aufwertung billigere Auslandskonkurrenz drohte. Wie Höcherl meint, zogen Europakommission und Partner dagegen nur zu Felde, weil "weniger Frankreich als vielmehr vor allem Holland" bis zur Fixierung des neuen Mark-Kurses drei Wochen lang billig in die Bundesrepublik verkaufen wollten.

Bonn hatte Brüssel "in nicht ganz legaler Weise" – so Sicco Mansholt, der EWG-Vizepräsident – vor vollendete Tatsachen gestellt. Als Frankreich im Sommer: 1968 das gleiche tat, regierte de Gaulle noch, und die Europäer in Brüssel gaben klein bei. Seit des Generals Rücktritt ist Paris jedoch vertragstreuer: Nach der Abwertung des Franken erschienen die Franzosen brav in Brüssel und ersuchten um Genehmigung ihrer Hilfsmaßnahmen, mit denen Bauern und Konsumenten die Folgen der Abwertung erleichtert werden sollte. "Bonn, aber folgte, in einer Art verschlafenem Spätgaullismus, noch dem Beispiel de Gaulles", meinte ein Eurokrat in Luxemburg.

Jetzt aber – so rief EWG-Präsident Rey, ohne auf Widerspruch zu stoßen – ist die Europakommission Herrin der Maßnahme, die in und um Deutschlands Aufwertung ergriffen werden: Eine Grenzabgabe von 5 Prozent statt 5,5 Prozent, die von der Kommission unter Umständen gesenkt werden kann. Dies auf etwa 15 statt auf 300 Produkte, zu denen Bonn großzügig sogar Schaumwein und Holzkohle addiert hatte.

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Vierzehn Europäische Kommissare und 4000 Bürokraten ziehen in diesen Wochen in eine eigene Stadt ein. Der "Verwaltungskomplex Berlaymont" ist von der belgischen Regierung gemietet. Eigene Gebäude haben die sechs Regierungen der Kommission verweigert. Eigenheimfanatiker meinen, daß sei nicht rentabel: 1651 Büroräume für jährlich 2,9 Millionen Dollar Miete.

Und schon hört man Klagen: Während Direktoren Gardinen und Teppiche bekommen, müssen die unteren Chargen auf solche Attribute und auch auf Einzelzimmer verzichten. Zu zweit und zu dritt sitzen sie in einem Raum und murren.