Von Matthias Wegner

Der kürzlich bekanntgewordene Zusammenschluß von etwa zwanzig deutschen Verlagen zu einem Großunternehmen von gewaltigen Ausmaßen enthielte, so las man es in der FAZ, "für die mittleren und kleinen deutschen Verleger sicher Stoff für einen Schock".

Als einer jener solcherart geschockten "mittleren Verleger" meine ich in der Tat: Mit der Gründung dieses Verlagsriesen hat die – für die kleinen und mittleren Verlage nicht eben sonnige – Zukunft des deutschen Verlagswesens wohl endgültig begonnen.

Allerdings, noch bleiben die Zusammenschlüsse einzelner Verlage zu wenigen großen Machtblöcken offenbar auf den literarischen Bereich begrenzt. Die weniger spektakulär agierenden, aber wirtschaftlich zumeist stabileren Fachverlage wurden vom großen Rausch der Konzentration bisher weit weniger erfaßt. Aber auch das wird sich vermutlich noch ändern. Erste Anzeichen einer engen Zusammenarbeit mit ausländischen Verlagen gibt es ja schon da und dort.

Nun sind die Konsequenzen, die sich aus dem Münchner Verlegerbündnis ergeben werden, heute in ihrer ganzen Tragweite noch gar nicht absehbar. Aber einige Vermutungen und Kombinationen lassen sich anstellen. Dabei soll es aber nicht nur um die Frage gehen, ob die kleineren und mittleren Verleger, die bisher – sei es aus Kurzsicht, sei es aus gutem Grund – einem Zusammenschluß aus dem Wege gegangen sind, noch eine Überlebenschance haben oder nicht. Wichtiger ist doch die Frage nach etwaigen gesellschaftspolitischen Folgen, die sich aus diesem "Münchner Abkommen" ergeben könnten.

Die großen verlegerischen Leistungen der fünfziger und sechziger Jahre basierten ganz erheblich auf den Leistungen einzelner Verlegerpersönlichkeiten. Zwar stieß man im deutschen Verlagsbuchhandel immer häufiger auf die Spuren moderner Management-Methoden, auf das Buch oder das Verlagsprogramm aus der Retorte, aber ein so vorbildlich durchorganisiertes Unternehmen wie das Haus Bertelsmann (das seinen Aufstieg in erster Linie der Buchgemeinschaft verdankt) blieb auf dem Sektor des belletristischen Verlags eigentlich immer noch hinter jenen alteingesessenen Verlagen zurück, die von einer jener nun wohl bald schon legendären "Verlegerpersönlichkeiten" geprägt wurden. Literatur eines gewissen Anspruches, so schien es bisher, vermag in unserer traditionsbewußten Bundesrepublik jenseits einer bestimmten Verlagsgröße und jenseits einer bestimmten Anonymitätsgrenze der Führungsspitze nicht recht zu gedeihen. Die auf sehr heterogenen Voraussetzungen beruhende "Verlegerpersönlichkeit" – halb listiger Kaufmann, halb Literaturkenner und -förderer – schien nicht wirklich ersetzbar durch eine noch so geschickte Kombination von Kapital und Management.

Erste, aus heutiger Sicht geradezu rührende Ansätze einer engeren Kooperation deutscher Verleger verrieten die Gründung der "Bücher der Neunzehn" und später die Gründung des Deutschen Taschenbuch-Verlages. "Die Bücher der Neunzehn" waren und sind aber nichts weiter als ein sehr loses, aus der Freundschaft einiger Verleger hervorgegangenes Bündnis mit dem Ziele, bei völliger Wahrung der Eigenständigkeit wechselweise Bücher von literarischem Rang in größeren Auflagen und damit zu billigem Preis zu produzieren. Kaum anders verhält es sich trotz der weiterreichenden Rechtsform beim Deutschen Taschenbuch-Verlag. Die Selbständigkeit und die Produktion der einzelnen Verlagshäuser berührt sie nicht.