Von Peter Christian Ludz

Seit dem Jahre 1964 hat sich die außenpolitische Position der DDR innerhalb des Ostblocks stetig verbessert. Dem korrespondieren Wandlungsprozesse innerhalb dieser Gesellschaft, die seit 1963, seit Einführung des "neuen ökonomischen Systems der Planung und Leitung der Volkswirtschaft" immer deutlicher hervortreten. Außenpolitische wie innenpolitische Veränderungen lassen es angebracht erscheinen, eine Zwischenbilanz zu ziehen. Dabei sollen fünf Bereiche berührt werden: die außenpolitische Stellung der DDR im Rahmen des Ostblocks; die Entwicklung innerhalb der SED, insbesondere die Differenzierungserscheinungen in der Führungsspitze; Aspekte der soziologischen und der wirtschaftlichen Entwicklung; schließlich die Umstrukturierung des Wissenschafts- und Forschungssystems und die Entwicklung der Technologie.

I. Die Stellung der DDR im Ostblock

Eine sorgfältige Analyse der beiden COMECON-Tagungen im Jahre 1969 ergibt, daß sich das politische Gewicht der DDR in diesem Vertragssystem – trotz einiger Fehlschläge in anderen Regionen der Außenpolitik, besonders in jüngster Zeit – eher vergrößert hat. Eine Reihe von Gründen sind dafür anzuführen. An erster Stelle sei die seit 1963/64 kontinuierlich fortgeschrittene sozioökonomische Konsolidierung der DDR genannt. Trotz zahlreicher Konflikte und Spannungen im Inneren, trotz der nicht überwundenen Labilität und neuer Pressionen im politischen Raum haben sich die im Sommer 1963 eingeleiteten Reformen des Organisationssystems von Partei, Wirtschaft und Gesellschaft vielfach bewährt. Die Bemühungen, das gesamte System zu modernisieren, hatten ihren Anstoß zwar ursprünglich von außen erhalten, von den Reformen Chruschtschows im Herbst 1962. Die in Ulbrichts Rede auf dem VI. Parteitag der SED aufgenommenen und in der "Richtlinie für das neue ökonomische System der Planung und Leitung der Volkswirtschaft" dann im einzelnen formulierten Strukturveränderungen des Wirtschaftssystems der DDR besaßen jedoch von Anfang an – und besitzen noch immer – eine durchaus eigenständige Dynamik. Vor allem die in der "Richtlinie" aufgestellten organisatorischen Prinzipien der Wirtschaft haben sich bewährt.

Diese Erfolge blieben nicht ohne Einfluß auf andere Länder des Ostblocks. Besonders tschechoslowakische und ungarische Ökonomen sind in den Jahren 1963 bis 1965, also vor Beginn der Wirtschaftsreformen in diesen Ländern, durch das DDR-Modell angeregt worden. In diesem Zusammenhang ist besonders auf den Erfolg des dynamischen Organisationssystems der DDR in den Augen der Sowjets hinzuweisen. Um dies zu verdeutlichen, sei kurz an eine erst 1968 sichtbar gewordene, allerdings schon länger bestehende eigentümliche Konkurrenzsituation in Osteuropa erinnert.

In den letzten Jahren haben zwei Modelle einer umfassenden Modernisierung sozialistischer Gesellschaftsordnungen miteinander konkurriert: das national-liberale Modell der ČSSR und das national-konservative Modell der DDR. Beide Versuche, den Prozeß der Modernisierung in Osteuropa durchzusetzen, enthielten zweifellos Elemente pragmatischer und auf Effizienz ausgerichteter Rationalität. Jedoch ist die pragmatische, auf technisch-wissenschaftlichen Fortschritt ausgerichtete Rationalität eines bürokratischen Modells nicht notwendig mit liberalen Tendenzen im politischen Raum verbunden, wie sich in der DDR seit 1968, im Grunde jedoch schon seit 1966, immer deutlicher gezeigt hat. Schon vor Jahren wurde das "Büro für Industrie und Bauwesen", eine der wichtigsten Transmissionsstellen für die Umorganisation der Wirtschaft, wieder aufgelöst. Günter Mittag, Leiter des Büros und seinerzeit Kandidat des Politbüros, avancierte inzwischen zum Vollmitglied des Politbüros der SED. Sein wirtschaftspolitischer Einfluß ging jedoch seitdem eher zurück. Er wurde in die "Strategische Clique" der SED-Führung voll integriert.

Von Anfang an haben die sowjetischen Planer den Erfolg der modernisierten Bürokratie in der DDR aufmerksam verfolgt – um so mehr, weil die Wirtschaftsreformen in der Sowjetunion selbst offensichtlich bisher nicht den gewünschten Erfolg erbracht haben. Zum anderen hat das Unbehagen und das Unsicherheitsgefühl der Sowjets über die gesellschaftspolitische Entwicklung in der ČSSR sie für Alternativen um so empfänglicher gestimmt. Eine solche Alternative bietet gegenwärtig die DDR. Hier treten immer stärker Grundzüge einer sowohl dynamischen und mobilen wie sozial stabilisierten Gesellschaft hervor, deren Wirtschaftssystem am Ideal der Leistungsgesellschaft technokratischen Typs orientiert ist. Dem entspricht es, daß sich deren politische Eliten im wohlverstandenen eigenen Interesse der Sowjetunion gegenüber loyal verhalten.