Ernst Bloch, der große marxistische Philosoph aus Tübingen, verglich in der Sendung "Panorama" am 6. Oktober aus Anlaß des 20. Gründungstages der DDR die Systeme in den beiden Teilen Deutschlands:

Kein Zweifel besteht nach meiner Meinung: Die beiden Staaten könnten manches voneinander lernen. Nicht im Sinne einer faulen Ergänzung oder eines noch fauleren Kompromisses, sondern es gibt zweifellos von einer etwas späteren Zeit her gesehen, sowohl Positives wie Negatives, bei beiden.

Das Negative in der DDR wird hier zum einzigen gemacht, alleinigen gemacht, und das Positive in der Bundesrepublik auch so zum einzigen. Objektiv liegt der Fall nicht so.

Positiv in der DDR dürfte wohl sein: Es besteht Gleichberechtigung der Frau, Gleichbezahlung ihrer Arbeit, wie die des Mannes, was hier nicht der Fall ist, stets kostenlose ärztliche Betreuung, kostenloser Erhalt von Medikamenten, es ist ein sehr geringer Prozentsatz Kriminalität vorhanden, es ist ein sehr hoher Prozentsatz (verglichen mit der Bundesrepublik) von Arbeiter- und Bauernkindern in den Universitäten untergebracht.

Es sind Aussichten da gegen einen lähmenden Pluralismus und eine Undeutlichkeit der Ziele, so daß junge Menschen und auch ältere Menschen und die alten Gläubigen an den Sozialismus immerhin noch einen Halt haben, also eine Richtung ist da, was zweifellos psychologisch und sogar psychotherapeutisch ein unzweifelhafter Vorteil ist.

Das Negative liegt erst recht auf der Hand und braucht hier nicht noch besonders strapaziert zu werden. All das ist erkauft nicht nur durch Angst und Unsicherheit, die zwingt, sehr konform und konformistisch sich zu geben, und auch wenn man es nicht ist. Es ist eine Leere da, die nicht durch Pluralismus kommt, sondern durch Schematismus, durch Klischee, durch ewige Wiederholung in abgedroschener Sprache, durch ewige Wiederholung des gleichen, ein geistiger Stillstand, ein Hurra, wir haben’s erreicht, es fehlt bloß noch die Verwirklichung, eine Verdorrung der Theorie, also all das, was wirklich im Marxismus nicht geschrieben war und nicht geschrieben steht und auch nach dieser Seite einen höchst kontrollierbaren Abfall von der Intuition, und der Akribie und der Zukunftsoffenheit des Marxismus darstellt.

Es ist die Diskutierbarkeit sehr vieler Probleme, die Weltoffenheit, die Diskutierbarkeit erkauft, wie gesagt, durch die Schäden des Pluralismus.

Was das Positive in der Bundesrepublik angeht, von der umgekehrt doch in der DDR noch so vieles zu bedenken wäre und auch Anziehungskraft enthält, so ist das die offene. Atmosphäre, das völlige Fehlen einer Angst vor Apparatschiks. Vor allen Dingen gibt es keine Mauer, es gibt keine Schüsse an der Mauer, es gibt eine offene Atmosphäre, die Diskutierbarkeit und Offenheit der Probleme, vor allem, es gibt eine unruhige Jugend mit Kampf gegen Unmündigkeit, mit Streben nach aufrechtem Gang, der dort fehlt, und dieser aufrechte Gang und das Streben nach Unmündigkeit, das wäre allerdings ein Exportartikel, der hoch zu empfehlen wäre. Es gibt Wechsel in der Regierung, Möglichkeit eines Wechsels, wie es jetzt geschehen ist, alles Dinge, die im Osten undenkbar sind und die, wenn sie eintreten könnten, im Osten zweifellos die Sicherheit der Sache nicht erschüttern könnten, wenn man an die Sicherheit der Sache so glaubte, wie sich’s gehörte. Hier, meine ich, wäre manches zu lernen und manches gegenseitig zum Vorteil anzuwenden im Sinne eines Satzes der Rosa Luxemburg, der nie genug beherzigt werden kann: "Keine Demokratie ohne Sozialismus, kein Sozialismus ohne Demokratie," Das erste gilt für den Westen, das zweite für den Osten.