Von Gottfried Sello

Prospect 69. Vorschau auf die Kunst der Avantgarde, auf das, so meinen die Veranstalter, was in der nächsten Saison auf uns zukommt. Düsseldorfs ehrgeiziger Versuch, der zweite Versuch, der erste fand im Vorjahr statt, die Kölner Progressiven vom "Kunstmarkt" links zu überholen. 16 Galerien aus zehn Ländern (ohne Deutschland, dafür wird der Kölner Kunstmarkt, Eröffnung am 14. Oktober, ausschließlich von deutschen Galerien bestritten) präsentieren 36 Künstler, außerhalb des Galerieprogramms hat das Auswahlkomitee von sich aus noch 10 Künstler zum "Prospect 69" eingeladen.

Ist das, was Düsseldorfs Kunsthalle in drei Stockwerken anbietet, Kunst der Avantgarde? Was ist Kunst der Avantgarde? Wenn Dinge zu Kunst erklärt werden, die bisher nicht als solche identifiziert sind, antwortet Harald Szeemann, einer der Erfahrensten im Umgang mit Avantgarde und einer ihrer erfolgreichsten Inszenatoren. Eine lässige und weiträumige Definition, in der sich schlechterdings alles unterbringen läßt, was als Kunst noch nicht identifiziert wurde und auf "Prospect" dazu deklariert wird: die Taube und der Baum, das Bettgestell, der Fernschreiber.

"Prospect" hat Harald Szeeman viel zu danken. Er war im Auswahlkomitee, er hielt die Eröffnungsrede "Im Wendekreis des Prospects", eine skeptische und melancholische Betrachtung über die Unmöglichkeit, das Dreieck Atelier – Galerie – Öffentlichkeit zu sprengen, über den gleichförmigen Ablauf sogenannter progressiver Aktionen und die rasche, fast automatische Kommerzialisierung der Ideen der Künstler. Die Rede war Szeemanns letzte Handlung in seiner Eigenschaft als Direktor der Berner Kunsthalle. Er hat den Job am 1. Oktober aufgegeben, dem gleichen Tag, an dem Werner Hofmann sein Amt als Direktor der Hamburger Kunsthalle antrat. Daß ein Museumsdirektor seinen Hut nimmt, erlebt man ungefähr ebenso häufig wie einen deutschen Minister, der freiwillig seinen Sessel räumt. Szeeman möchte lieber außerhalb des Museums wirksam werden, sein Entschluß ist sicher auch symptomatisch für die Situation der Museen in der Schweiz, in Deutschland, in andern Ländern, auch wenn seine Reaktion gewiß nicht die einzige und beste Methode ist, einer institutionellen Krise zu begegnen.

"Prospect" hat dem ehemaligen Museumsmann aber noch mehr zu verdanken als die Mitarbeit im Komitee und eine schöne Eröffnungsrede. Szeemann hat den Düsseldorfern für "Prospect" das Modell geliefert, als er in der Berner Kunsthalle "When Attitudes Become Form" zeigte. Die Berner Ausstellung war später bei Paul Wember in Krefeld. Es gab Parallelveranstaltungen wie "Op losse schroeven" im Amsterdamer Stedelijk Museum, die dann im Museum Folkwang unter dem Titel "Verborgene Strukturen" zu sehen waren. Insofern erscheint "Prospect" als eine Rückschau auf die Avantgarde vom vergangenen Jahr, nicht als Vorschau, und vom Standpunkt des professionell Progressiven hat Szeemann ganz recht, wenn er dem Düsseldorfer Unternehmen, das er selber mitzuverantworten hat, zu geringe Prospektivität vorwirft.

Neu oder schon nicht mehr ganz neu, bereits vom Handel vereinnahmt und als Ware denunziert, als Attraktion für progressive Sammler: nimmt man die letzte documenta oder das, was in der Sammlung Ludwig oder in aufgeschlossenen Museen als "Kunst der 60er Jahre" offeriert wird, als Relationspunkt, dann handelt es sich bei "Prospect" allerdings um Novitäten. Es gibt bereits viele Namen für die Sache, für die Richtung: Concept Art, Possible Art, Impossible Art, Anti-Form, Arte Povera. Sie suggerieren Internationalität, globale Relevanz. Die Theorie hat sich der Richtung angenommen, Künstler und Interpreten liefern plausible Argumente. Wer in die Verlegenheit kommt, darüber berichten zu müssen, zieht sich gern mit ein paar ironischen Schlenkern aus der Affäre. Lebende Tiere im Museum, ein reizender Einfall, das hätte sich der alte Picasso auch nicht träumen lassen, daß seine Friedenstaube in natura durch die Halle flattert. Oder man hält sich, durch schlechte Erfahrungen gewitzigt und weil man nie weiß, wie die Dinge im nächsten Jahr bewertet werden, die Hintertür offen. Irgendwas wird schon dran sein, wenn auch die jungen Leute teilweise übers Ziel hinausschießen.

Man kann sich die Sache auch leicht machen und wie die linksengagierten Düsseldorfer Haß und Wut mit Beschimpfungen abreagieren. "Der ideologische Brei der Avantgarde stinkt, er hat faule Zutaten ... Kapital als Soße – Schmierseife unserer Gesellschaft, Medium internationaler Sprachverwirrung." In ihrem Flugblatt "Prospect 69 – Piraterie des Kunsthandels" konstatieren sie weiterhin "die Kommerzialisierung des Todes der bürgerlichen Kunst – verschiedene Todesarten – verschiedene Gerüche – Ritual einer Verwandlung, die ausbleibt". Warum es sich bei Concept-Art um eine spezifisch bürgerliche Kunst handeln soll, ist nicht recht einzusehen, ich würde sie eher als unbürgerlich bezeichnen, soweit es überhaupt einen Sinn hat, heute von bürgerlicher oder unbürgerlicher Kunst zu reden. Und was den Tod der Kunst anlangt, die moderne Kunst wird pausenlos totgesagt, und bisher hat sich ihr angeblicher Tod jedesmal als ein Fall von Grenzerweiterung, von Entgrenzung der Kunst herausgestellt.