Von Hans-Albert Walter

In seinem Lebensbericht "Der Wendepunkt" teilt Klaus Mann eine interessante Episode mit. Man schrieb das Jahr 1929, der Geist von Locarno schwebte über den Wassern. Just an dem Tag, an dem der französische Premier Laval und sein Außenminister Briand auf Staatsbesuch in Berlin waren, traf Klaus Mann mit Henri Barbusse zusammen. Er überreichte ihm ein Buch mit der Widmung: "Für Henri Barbusse, Autor des größten Romans gegen den Krieg – an dem Tage, an dem seine beiden Landsleute, Briand und Laval, in Berlin der Sache des Friedens dienen."

Die Reaktion des Beschenkten auf den Namen Laval ist leicht vorstellbar, und Klaus Mann spart denn auch nicht an ihrer drastischen Beschreibung. Der Vorfall illustriert, wie der damals Dreiundzwanzigjährige sich mit öffentlichen Dingen beschäftigte: Politik galt ihm als wichtige, doch untergeordnete Angelegenheit, man bekundete seine Anteilnahme, sehr tief aber reichten weder die Kenntnisse noch das Interesse.

Bereits, ein Jahr danach bezieht Klaus Mann eine eindeutig politische Position, knapp vier Jahre später gibt er im Amsterdamer Exil eine literarische Monatsschrift mit dezidiert politischer Haltung heraus, 1937 beteiligt er sich an den Bemühungen exilierter Schriftsteller und Politiker um eine deutsche Volksfront, und im Zweiten-Weltkrieg wird er amerikanischer Soldat. Diese ungewöhnliche Entwicklung wird dokumentiert in –

Klaus Mann: "Heute und Morgen" – Schriften zur Zeit, herausgegeben von Martin Gregor-Dellin; Nymphenburger Verlagshandlung, München; 364 S., 25,– DM.

Mit dem Herausgeber ließe sich gelegentlich rechten, ob der eine oder andere Beitrag besser in diesem oder in dem vorangegangenen Band mit den "Schriften zur Literatur" ("Prüfungen") seinen Platz gehabt hätte. Die Trennungslinie zwischen Literatur und Politik ist bei Klaus Mann nicht immer scharf zu ziehen, beide Bereiche durchdringen sich – statt der thematischen wäre auch eine chronologische Anordnung der Essays diskutabel gewesen. Betrachtet man beide Bände als Ganzes, so fällt Martin Gregor-Dellin das unbestreitbare Verdienst einer sinnvollen und klugen Auswahl zu, die die ganze Breite von Klaus Manns publizistischer Arbeit repräsentiert. Manche Anmerkungen des Herausgebers, etwa zur Volksfront im Exil, hätten freilich ausführlicher sein dürfen. Schließlich ist der Hintergrund, auf dem Klaus Manns Aufsätze entstanden, dem binnendeutschen Leser in der Regel ebenso fremd wie die meisten dieser Arbeiten selbst. Eine zweite Auflage sollte hier besser informieren.

Der früheste Beitrag des Buches stammt aus dem Jahr 1929, der letzte ist kurz vor dem Freitod des Verfassers im Juni 1949 geschrieben. Gregor-Dellin hat Feuilletons und Rezensionen, Polemiken, Glossen, Aufrufe und Analysen ebenso aufgenommen wie große Essays. Die formale Vielfalt hat ihre Entsprechung im Stofflichen, und auf den ersten Blick wirkt das fast beängstigend. War es wirklich richtig und nötig, auch Beispiele für Klaus Manns Tagespublizistik wieder vorzustellen?