Zehn Pfund schwer ist dieses Buch und verdankt sein Gewicht dem, was darin nicht mehr enthalten ist –

Horst Gerson: "Rembrandt – Gesamtwerk Bertelsmann Kunstverlag, Gütersloh; 528 S., mit 760 Abb., Anmerkungen, Bibliographie, Konkordanz, Index und Register; Subskriptionspreis bis zum 31. 12. 69 198,– DM, danach 220,– DM.

Rechtzeitig zum Rembrandt-Jahr, so heißt das wohl in der Sprache der Werbung, ist diese: Band, dessen Thema die Reduzierung des Themas ist, erschienen: 420 Nummern zählt der Werckatalog nur noch, und das sind 142 weniger, als Kurt Bauch noch 1966 in seinem Rembrandt-Buch gelten ließ, 210 weniger, als Gersons Lehrer Abraham Bredius im Jahre 1935 akzeptierte, und 340 weniger, als Wilhelm R. Valentiner 1923 als rembrandtwürdig notierte.

Im Gegensatz zu Vermeer also, dessen kostbar schmales Oeuvre man durch Funde zu vergrößern nur allzu bereit ist, ist Rembrandt, immer noch und immer wieder, in einer restriktiven Phase. Es ist ein bißchen wie mit Shakespeare, den die Nachwelt sich ja auch immer wieder dadurch handlicher zu machen suchte, daß sie ihn in ein Schriftstellerkollektiv auflöste.

Motive dieser Art sind Gerson, der ein halbes Emigrantenleben in Holland und ein ganzes als Kunsthistoriker mit Rembrandt verbracht hat, gewiß nicht zu unterstellen. Die kleine Götterdämmerung in Sachen Rembrandt, die er hier inszeniert hat, kann andererseits auch kaum bagatellisiert werden, denn immerhin fallen dieser Aktion rund ein Dutzend der Bilder zum Opfer, deren Zuschreibung bisher als völlig gesichert galt (darunter der "Alte Mann im Lehnstuhl"

aus der National Gallery in Washington und die "Frau mit Fächer" aus der Westminster-Sammlung). Was an diesem Vorgehen irritiert, ist nicht die Kühnheit, sondern vielmehr der Mangel an Argumenten und Kriterien, mit denen hier zwischen Rembrandt als Rembrandt und Rembrandt als sein eigener Zeitgenosse unterschieden, mit denen hier einerseits ab- und andererseits zugeschrieben wird.

"Der Katalog dieses Buches spiegelt die Unsicherheit der Situation wieder" schreibt Gerson im Kommentar, dessen Tonlage in schönem und wirkungsvollem Kontrast steht zu seinen spektakulären Taten. Andererseits: durch einsame, kaum begründete Entschlüsse, die hin und wieder mit einem bedächtigen epitheton ornans dekoriert werden, wird diese Unsicherheit nicht verringert.

Petra Kipphoff