Von Robert Neumann

Wäre ein Schriftsteller, der einmal (oder fünfmal) im Leben eine Parodie auf einen andern schreibt, deshalb schon ein Parodist, so gäbe es fast ebenso viele Parodisten wie Schriftsteller. Ein Parodist ist mehr, expansiver, katholischer – er schreibt die kritisch-polemische, die zur "Mittelbarkeit" sublimierte Literaturgeschichte seiner Zeit. Parodisten, in diesem Sinn, sind überaus selten.

Ich stelle hier einen neuen Parodisten vor –

Dieter Saupe: "Autorenbeschimpfung" und andere Parodien; Rütten und Loening Verlag, Bern/München; 190 S., 16,80 DM.

Wo steht dieser neue Mann, wie ist er einzuordnen? Man weist neuen Leuten gern ihre Ahnenreihe nach – aber nichts wäre unsinniger, als diesem Saupe (den ich nie getroffen habe) vorzuhalten, daß er von mir gelernt habe. Die Spielregeln der Parodie sind heute theoretisch durchleuchtet, die Grenzen sind abgesteckt, innerhalb dieser Grenzen lernt jeder von jedem – Saupe von mir bestimmt nicht mehr, als ich von Fritz Mauthner (und nebenbei auch von Gumppenberg und Twardowski) gelernt habe. Etwa ebensoviel wie von mir hätte Saupe auch von meinem Freund Friedrich Torberg lernen können, von Armin Eichholz, von Manfred Bieler (soweit er westliche Autoren parodiert hat; östlichen gegenüber war er begreiflicherweise allzu behutsam).

Die Zahl der von Saupe Parodierten, die auch ich parodiert habe, ist nicht groß. Unter seinen einundsiebzig Stücken sind es im ganzen elf. Ob ich unter denen dieses oder jenes ein wenig schlechter oder auch ein wenig besser gemacht habe als er, ist nicht wichtig. Seine Hemingway-Parodie ist jedenfalls besser als die meine. Aber wichtig ist, daß er einen Autor schlechter als ich parodiert hat: Arno Schmidt. Wichtig deshalb, weil von diesem Punkte aus, wie wir Militaristen es auszudrücken lieben, die ganze Front dieses neuen Parodisten aufzurollen ist.

Er parodiert Arno Schmidt schlecht, weil er ihm strukturell am nächsten steht. Saupe arbeitet mit Schmidts erstaunlicher Akribie. Befaßt er sich mit einem Buch, einem Autor, so bleibt ihn: nichts Kleingedrucktes fremd. Er ist, wie Schmidt, grimmig genau – nur schlägt bei ihm dieser Grimm in jenen aktivistischen Zorn um, der ihr dazu bringt, das Erarbeitete als Parodie zu fixieren. Ein Schmidt cum ira et studio – und "erarbeitet" ist das Schlüsselwort. Soll denn verglichen sein, so ist hier ein Ansatz für einen Vergleich mit mir: Ich glaube nicht, daß ich je einen zu Parodierenden so genau gelesen habe wie dieser neue Mann. Die meisten habe ich nur "gerochen", ich habe die Essenz meiner Opfer erraten – ein divinatorischer Akt, der, wenn man Glück hat, besser gelingen kann als jede Erarbeitung, der aber auch grausig mißlingen kann und mir tatsächlich nicht selten grausig mißlungen ist.