Edward Bonds "Early Morning" am Zürcher Schauspielhaus

Von Hellmuth Karasek

Mitten in einer Szene, als es wieder stiller geworden war, erhob sich in der dritten Reihe eine Dame und fragte, zu einem Verantwortlichen gewandt, wann es denn in Zürich wieder "ansprechendes Theater" geben werde. Rauschender Beifall vieler empörter Zuschauer, die vorher schon kräftig gebuht hatten, als in einer Szene faschistischer Verhörterror von Peter Stein mit brutaler und erschreckend genauer Deutlichkeit vorgeführt worden war. Die Szene konnte nicht zu Ende gespielt werden. In anderen Auftritten gellten aus dem Parkett Trillerpfeifen; immer wieder wurden Türen geschlagen, Sitze geklappt: Das Zürcher Publikum hatte sich bis zur Pause dezimiert. Viel in Ehren ergraute Würde war zornig, schimpfend, protestierend abgewandert.

Die Dame, die da im Namen vieler "Ansprechendes" forderte, reagierte damit auf ein Stück – und auf die Zürcher Theatersituation. Was das Stück, Bonds "Early Morning" ("Trauer zu früh"), betrifft, so hatte die Protestantin offenbar überhört, daß Bond ihre Situation auf der Bühne sarkastisch vorweggenommen hatte. Nach einer Hinrichtungsszene meinte Ihre Majestät, die Queen Victoria, ganz geschmäcklerisch-bürgerlich auf die groteske Mord-und-Totschlag-Situation reagierend: "We are not amused." Ähnlich viele Zürcher. Auch sie waren not amused, not at all, und deuteten mit dem Skandal, den sie der Premiere bereiteten, eine Schwierigkeit des heutigen Theaters mehr als nur an: nämlich die, daß das Theater, wenn es verbindlich ist, gegen die Interessen und Erwartungen derer verstößt, die es heute noch vorwiegend frequentieren.

Bonds Stück – soviel ist sicher – tritt zur Liquidation einer Welt an, die er nicht nur programmatisch anklagt (das wäre zu verkraften), sondern der er auch ihre ästhetischen Erwartungen um die Ohren schlägt.

Aber vielleicht sollte man diesen Widerspruch auch nicht zu prinzipiell darstellen. Denn wenn die Zürcher pfiffen und laut schimpfend gingen, so mußte die Bond-Premiere dabei auch die Rolle des Tropfens spielen, der bekanntlich dem Faß die Krone ins Gesicht schlägt. Die Direktion Löffler am Zürcher Schauspielhaus hatte mit Heiner Müllers gewiß alles andere als kulinarischem "Prometheus" begonnen, sie wurde fortgesetzt mit dem Mißerfolg von Grumbergs "Ein Fenster zur Straße", und nun kam dies. Vorher hatte Löffler noch bekanntgeben müssen, daß Goethes "Mitschuldige" nicht stattfinden könnten, da man sich in der Konzeption verrannt habe – an sich ein mutiger Schritt, der, von vielen Intendanten befolgt, uns manches Theaterdebakel ersparen könnte –, in der Zürcher Situation aber eine weitere Quelle des Ärger- und Anstoßnehmens war. Das alles also entlud sich auch an Bonds Stück. Wiederholt sich damit in Zürich der Hamburger "Fall Monk" noch einmal?