Von Rolf Hochhuth

Edward Luttwak: "Der Coup d’Etat oder Wie inszeniert man einen Staatsstreich?"; aus dem Englischen von Marianne und Friedrich Kloth; Rowohlt Verlag, Reinbek 1969; 254 S., 18,50 DM

Bereits Alexander von Rußland, der Schwager und Admiral des letzten Zaren, der 1906 von den revolutionären Matrosen seines Flaggschiffs als Geisel übernommen werden sollte – vereitelt durch Verrat –, bestätigt, wie sachgemäß Edward Luttwaks Grundthese ist: Nur noch durch Infiltration des Apparats war schon vor hundert Jahren in sogenannten hochzivilisierten Staaten, sofern sie nicht durch einen Krieg zertrümmert worden waren wie Rußland erst 1917, der Austausch der Macht zu erzwingen. Diese Bestätigung durch einen erlauchten Vertreter der "anderen Seite" ist um so unverdächtiger und lehrreicher, als sich der Großfürst selbstverständlich mit dieser These gar nicht auseinandersetzt, sondern durchaus unabsichtlich zwischen Liebes- und Paradegeschichten praktische Beispiele vorträgt, die sie erhärten – an nichts weniger interessiert als etwa daran, aus seinen fürchterlichen Erfahrungen ein Lehrbuch für Umstürzler zu machen:

"Es wäre nur ein schwacher Vergleich, wollte ich sagen, daß wir in einer belagerten Festung lebten. Denn im Krieg kennt man Freund und Feind. Wir aber kannten sie nicht... Seit der Explosion im November war jeder Lakai, der den Ofen reinigte, möglicherweise ein Nihilist, der eine Höllenmaschine, hereintrug ... Am 14. September wurde Ministerpräsident Stolypin von einem jungen Rechtsanwalt ermordet... gestand Bogroff, er habe jahrelang die Beschäftigung eines Geheimagenten der russischen Polizei mit der eines Mitglieds der Terroristischen Organisation in Paris verbunden. Seine Anwesenheit im Theater, in allernächster Nähe der kaiserlichen Loge, war allein durch einen amtlichen Befehl möglich, der ihm den persönlichen Schutz des Zaren’ übertrug ..."

Lehrfabeln wie diese, exemplarische Geschichten fehlen völlig in Luttwaks Vademekum für Umstürzler – und das ist vielleicht der einzige Mangel, allerdings ein bedeutender, dieses "Leitfadens"; wir benutzen die abgestorbene Bezeichnung für Schulbücher, weil tatsächlich Luttwak die emotionsärmste aller Revolutionsschriften verfaßt hat, fast abschreckend präzis wie ein Leitfaden der Insektenkunde. Dieses Handbuch nimmt sich neben den Schriften etwa Cohn-Bendits aus wie höchst konzentriertes Zyankali neben verzuckerter Brauselimonade – so daß, dem Establishment zur Besänftigung, gar so viele potentielle Staatsstreich-Entschlossene, ob Linke, ob Rechte, diese nie begeisternden, sondern nur sarkastischen zweihundertfünfzig Seiten kaum durchstehen werden. So wenig durchstehen wie in der Praxis die Infiltrationsarbeit, die ja ein Höchstmaß an Askese und Disziplin voraussetzt. Doch muß man so weit gehen zu sagen: Wer nicht nach diesem Buch handelt, nach seinen praktisch erprobten Grundkonzepten, die freilich von Land zu Land, von Volk zu Volk variiert werden müssen, schon um das Überraschungsmoment nicht zu verspielen, der kommt nie zum Ziel – sofern es sein Ziel ist, eine das Parlament umgehende Veränderung der Machtverhältnisse herbeizuzwingen.

Der vorsätzlichen Ausschaltung aller demagogischen Qualitäten in Luttwaks Text entspricht die totale Abwesenheit nicht nur jeglicher Ideologie, sondern auch noch jener "Atmosphärilien", die nun einmal keimenden Ideen so nötig sind wie eine gewisse Feuchtigkeit und Temperatur dem Haus- und Kellerschwamm.

Tarnung ist nicht alles, aber ohne Tarnung ist alles nichts – man hat den Eindruck, der Autor Luttwak habe auch für seine Person diese Maxime perfektioniert: zwar ist er heute britischer Staatsbürger, ist aber in Transsylvanien geboren, in Sizilien und Mailand und Berkshire und London zur Schule gegangen; er dankt "ganz besonders... denjenigen Informanten, deren Namen ungenannt bleiben müssen" und äußerte mündlich über ein großes Land Westeuropas: "Da darf ich mich auch nicht mehr sehen lassen ..." Er scheint schon allerhand "hinter sich" zu haben – aber mehr noch vor sich, denn als er dieses politisch explosive "Ali, der Meisterdieb"-Manuskript in Manchester dem Professor S. E. Finer vorlegte, der die Einleitung dazu im Juni 1968 abschloß, da war Autor Luttwak knapp sechsundzwanzig Jahre alt.