Von Otto F. Best

Cartesianische Linguistik – so nennt sich ein nur wenig mehr als hundert Seiten starkes Buch, das 1966 erschienen ist und "ein Kapitel aus der Geschichte des rationalistischen Denkens" behandelt.

Keine Frage, es behandelt weit mehr.

Sein Titel formuliert ein Programm. Er fordert nichts Geringeres als die Rückkehr zu den verschütteten Quellen des Rationalismus. Descartes, die "Logik" von Port-Royal, Leibniz heißen die Namen, auf welche die neue Sprachwissenschaft sich beruft.

Betrachtung über Sprache, über deren Beschaffenheit führt zwangsläufig zur uralten Frage nach dem Wie des Kenntniserwerbs. Woher nimmt der Mensch seine Sprache? Haben wir unsere "Ideen" durch die Sinne bezogen, unsere Sprache wie eine Briefmarkensammlung aufgebaut? Wo hört das "Angeborene" auf, wo fängt das "Angelernte" an?

Leibniz lehnte es ab, eine scharfe Unterscheidung zwischen beiden zu machen. Humboldt war der erste, der die rationalistische Auffassung systematisch auf das Problem der Spracherlernung anwandte: Er kam zu dem Schluß, daß man Sprache nicht wirklich lernen könne. Es sei nur möglich, die Bedingungen zu schaffen, "unter denen sie sich in der Psyche auf eigene Weise spontan entwickelt". Wie Leibniz schloß er sich der platonischen Auffassung an, daß Lernen weitgehend eine Sache der Wiedererzeugung sei, Ausformung dessen, was der Seele schon eingeboren ist.

Dieser "kreative Aspekt" des Sprachgebrauchs wurde von anderen Zeitgenossen Humboldts völlig verkannt. Sonst hätte Diderot gewiß nicht geschrieben (in seinem "Brief über die Taubstummen", 1751), das Französische sei dazu geschaffen, "zu unterweisen, zu erklären, zu überzeugen", das Griechische, Lateinische, Italienische und Englische dagegen "zu überreden, zu rühmen, zu täuschen"; in scheinbarer Konsequenz riet er deshalb, zum Volk griechisch, lateinisch oder italienisch zu sprechen, dem Weisen gegenüber sich aber des Französischen zu bedienen.