Was uns wie Überheblichkeit berühren mag, ist nichts anderes als die noch heute anzutreffende naive Auffassung, daß es eine "natürliche Ordnung der Gedanken" gebe. Um so mehr mußte zu einer Zeit, da Behaviourismus das Gesicht der Psychologie bestimmt, da die Sprachwissenschaft, in Amerika vor allem, zum Teil dazu übergegangen ist, alles Semantische aus der Betrachtung zu eliminieren, ein Wiederanknüpfen an eine längst erledigt geglaubte Tradition einen Schock auslösen.

Wenn die moderne Linguistik auch anerkannt hat, daß Sprache "schöpferisch" (kreativ) ist, daß sie über die Mittel verfügt zum "Ausdruck beliebig vieler Gedanken und zu angemessenen Reaktionen in beliebig vielen Situationen", so unterließ sie es doch lange Zeit, die Konsequenzen hieraus zu ziehen.

Mit der Beschreibung der Sturmzone des Meeres nämlich ist noch keine Beschreibung des Meeres überhaupt geleistet. Aus den gleichen Gründen hätte an die Seite der den Ausnahmen und "Irregularitäten" gewidmeten traditionellen Grammatik eine Universalgrammatik zu treten, die den kreativen Aspekt der Sprachverwendung zu fassen sucht und "Regularitäten" ausdrückt. In ihr hätte sich zum Beispiel eine Regel zu finden, die für jeden passiven Satz vollständige Anweisungen gibt zur Konstruktion des entsprechenden aktiven.

Man versuche in einer der vorliegenden deutschen Grammatiken sein Glück! Gäbe es diesen Greenwich-Meridian einer Universalgrammatik, könnte sich das Erlernen mehrerer Sprachen tatsächlich wesentlich vereinfachen. Freilich waren zunächst die technischen Voraussetzungen zu schaffen, auf die bei solcher Sprachbeschreibung, die das anscheinend Unbeschreibbare erfassen will, zurückgegriffen werden muß. Entsprechende Mechanismen wurden erst in jüngster Zeit verfügbar. Symbolische Logik, höhere Algebra taten das ihre, um die Sprachwissenschaft so auszurüsten, daß die Frage nach dem Wechselspiel von Sinnen und Psyche nicht nur gestellt, sondern auch, in zunehmendem Maße, beantwortet werden kann. Eine in Verruf geratene Anschauungsweise feierte, glanzvoll gerüstet, ihr Comeback. Das Ziel: latente Strukturen bloßzulegen, herauszufinden und formal zu beschreiben, was ein mit Sprache begabter Mensch wirklich kennt und "nicht das, was er über seine Kenntnisse zu berichten vermag".

Inzwischen kann man bereits von einer "Schule" sprechen, deren Begründer, Noam Chomsky, Professor der Linguistik am Massachusetts Institute of Technology, der Verfasser des eingangs erwähnten Buches "Cartesianische Linguistik" ist.

Der Tag des Erscheinens der deutschen Ausgabe seines bislang bedeutendsten Werkes –

Noam Chomsky: "Aspekte der Syntax-Theorie", aus dem Amerikanischen und herausgegeben von einem Kollektiv unter der Leitung von Ewald Lang, Arbeitsstelle Strukturelle Grammatik, Deutsche Akademie der Wissenschaften, Berlin (Ost); Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Akademie Verlag, Berlin; 313 S., 15,– DM