Von Wolfgang Venohr

Helden und Heldenverehrung – wer hätte gedacht, daß es dergleichen noch gibt? Die Helden sind nicht nur müde, sie sind verfemt. Und ein Schriftsteller kann sich heutzutage durch nichts lächerlicher machen als durch unverhohlene Begeisterung für einen Helden und dessen Heldentaten.

Aber siehe da: Es geht, es geht. Wenn einer nur Mut hat, geht alles. Ein Buch ist erschienen – ein dickes Buch, ein gewichtiges Buch –, hochmodern in seiner wissenschaftlichen Methode, sehr salopp (manchmal zu salopp!) in Sprache und Stil, aber in seiner Aussage ganz Parteilichkeit, eine Biographie à la Thomas Carlyle:

Hellmut Diwald: "Wallenstein", Bechtle-Verlag, München 1969; 555 S., 25,– DM.

Das ist ein Buch, das man noch lesen kann, ohne blasiert zu gähnen, ohne in einem fort über der Gedanken und Gefühle Blässe zu erröten. Der Biograph, Hellmut Diwald, ein deutscher Professor – man kann es kaum glauben –, hat Schluß gemacht mit dem unseligen Erbe des Historismus, mit dem Wenn und Aber, dem Einerseits und Andererseits, der ganzen wissenschaftlichen Scheinobjektivität, die doch nichts ist als fauler Zauber und Impotenz von "Fachidioten": Hier schlägt sich einer für seinen Helden, für seinen Wallenstein, und der Leser – tief entzückt von soviel Engagement, herausgefordert zum geistigen Duell – geht mit oder zieht blank, bejaht oder verneint, stählt schließlich im Feuer dieser aufregenden Lektüre seinen kritischen historisch-politischen Verstand.

Historisch-politisch – das ist mit voller Absicht hier hingesetzt. Denn diese Geschichte des Dreißigjährigen Krieges ist, was Deutschland und Mitteleuropa anbetrifft, von einer beinahe penetranten Aktualität. Dieser Wallenstein – kann man Diwald folgen, und man kann es wohl sehr weitgehend – würde heute nicht anders handeln als damals. Was damals Franzosen, Schweden und Spanier waren, das sind heute Sowjets und Amerikaner: Besatzer, Okkupanten in Zentraleuropa, die ihre machtpolitischen Interessen mit ideologischen (damals religiösen) Schlagworten tarnen, um ihre Beute desto ungenierter unter sich teilen und in den Reihen der Unterworfenen noch Proselyten für sich machen zu können.

Albrecht von Wallenstein, der Herzog von Friedland, ein organisatorisches, merkantilistisches und finanzpolitisches Genie ersten Grades – man erfährt das alles erst bei Diwald richtig –, versuchte ganz ohne Frage, aus seinem Herzogtum (das etwa ein Drittel Böhmens umfaßte) eine Art Vor-Preußen zu machen, einen wirklichen weltlichen Staat, der diesen Namen verdiente, eine Plattform, von der aus er eine Politik der Befriedung und Befreiung Deutschlands und Mitteleuropas inaugurierte. Ein herrliches, ein hoffnungsloses Unterfangen! Die ganze Sache war etwa so, als wenn das kleine schwache Österreich sich heute anschicken würde, energisch dazwischen zu funken, die Mächte des Westens und des Ostens herauszufordern, um endlich im Raum zwischen Rhein und Bug, zwischen Flensburg und der Theiß Friede, Freiheit, Disengagement und eine neue bessere Ordnung zu begründen. Mit Herz und Hand dabei, aber es könnte nicht glücken, die Ausgangsbasis wäre zu schmal.