Von Marcel Reich-Ranicki

Wes Geistes Kind Manfred Bieler ist und was man von diesem aus der Ostberliner Welt kommenden Satiriker erwarten kann, das ließ sich dem 1963 im Osten und im Westen gleichzeitig erschienenen Schelmenroman "Bonifaz oder Der Matrose in der Flasche", einem etwas schwerfälligen und ein wenig albernen Buch, noch nicht entnehmen; das zeigten erst einige skurrile und durchaus eigenwillige Parabeln in seinem Erzählungsband "Der junge Roth" (1968).

Eigenwillig und fast parabolisch mutet auch – jedenfalls in letzter Zeit – die Lebenskurve dieses 1934 geborenen Schriftstellers an. Denn er, der Anfang der sechziger Jahre zu den prominentesten jüngeren Autoren Ostberlins gehörte, kehrte zwar 1965 der DDR den Rücken, ohne indes den kommunistischen Bereich verlassen zu wollen: Er ging in die Heimat seiner Frau, die damals ungleich liberalere Tschechoslowakei. Aber auch ihm erteilte die Sowjetunion brutalen politischen Anschauungsunterricht: Wo er zunächst nicht landen wollte, dorthin trieb ihn die Invasion vom August 1968 – in die Bundesrepublik. So erinnert Bielers Weg auf überraschende und unfreiwillige Weise an den Titel seiner berühmtesten Arbeit: "Das Kaninchen bin ich."

Allerdings war es nur ein kulturpolitischer Skandal, dem dieser Titel seine plötzliche Popularität verdankte: Hohe und höchste Würdenträger der DDR nannten ihn mit Ekel und Entrüstung, der Roman durfte überhaupt nicht erscheinen, und der Film, dem er zugrunde lag, wurde zwar produziert, doch nie öffentlich gezeigt. Inzwischen sind über vier Jahre vergangen und die damaligen Vorfälle in der Bundesrepublik jedenfalls fast schon vergessen.

Aber den Roman gibt es: Bieler hat das umstrittene Manuskript hervorgeholt, gekürzt und überarbeitet –

Manfred Bieler: "Maria Morzeck oder Das Kaninchen bin ich", Roman; Biederstein Verlag, München; 310 S., 19,80 DM.

Zunächst einmal: Was haben wir hier eigentlich erhalten? Präsentiert Bieler ein Stück authentischer DDR-Literatur aus dem Jahre 1965, eine Arbeit, die, von allem anderen abgesehen, aus zeitgeschichtlichen Gründen Interesse beanspruchen kann? Oder bietet er eine neue, durch westliche Publikationsbedingungen ermöglichte Fassung von 1969? Die Auskünfte, die Autor und Verlag hierüber erteilen, weichen voneinander ab.