Von Alex Natan

Colin Simpson/Phillip Knightley: "Das Geheimleben des Lawrence von Arabien"; aus dem Englischen von Paul Baudisch; Verlag Hoffmann und Campe, Hamburg 1969; 323 Seiten, 24,– DM.

Thomas Edward Lawrence – "Lawrence of Arabia" –, der ungekrönte Prinz von Mekka und König von Damaskus, will nicht sterben. Sein zweideutiges Verhalten auf Erden fordert die Nachlebenden immer wieder heraus. Eine erstaunlich tiefe Kluft tut sich auf zwischen dem romantischen und vielleicht noch immer populären Bild seiner selbst und der Wirklichkeit. Sein Bericht über den Kampf in der arabischen Wüste während des Ersten Weltkriegs ("Sieben Säulen der Weisheit") hat sich längst als eine Mischung von Dichtung und Wahrheit entpuppt.

Das Leben des T. E. Lawrence, bei dessen Beerdigung Winston Churchill einen Weinkrampf erlitt, wurde bereits vor fünfzehn Jahren von Richard Aldington eingehend untersucht. Sein Schluß: Das Bild des romantischen Helden aus der letzten Epoche des Britischen Empires ist gefälscht und bedarf dringend wesentlicher Retusche. Aber der Sturm der Entrüstung, den Aldington damit entfesselte, zeigte deutlich, daß die britische Öffentlichkeit nicht bereit war, sich die Vorstellung von dem vorbildlichen Bannerträger höchster britischer moralischer Qualitäten zerstören zu lassen.

Inzwischen haben jedoch die Erben von Lawrence Einsicht in die hinterlassenen Papiere gewährt, die in der Bodleian Library in Oxford aufbewahrt werden. Auch hat das Parlament die Verschlußfrist für Staatsdokumente von fünfzig auf dreißig Jahre reduziert. Diese Quellen haben sich zwei Journalisten der Londoner Sunday Times zunutze gemacht. Was sie dort fanden, erregte ihren Verdacht derart, daß sie nach Indien reisten und mit Türken und Arabern sprachen, die Lawrence gekannt haben, aber von seinen Hagiographen auffällig vernachlässigt worden sind.

Schließlich sind die Autoren den erstaunlichen Berichten eines John Bruce nachgegangen, dessen merkwürdige Beziehungen zu Lawrence bisher unbekannt geblieben waren. Sie folgerten aus all dem, daß die Heldengeschichte Lawrences weitgehend eine Legende ist, die er im wesentlichen selbst geschrieben hat. Wer sich heute damit befaßt, sieht sich einem Konglomerat von Gerüchten, halben Wahrheiten, Verdrehungen und Hirngespinsten gegenüber.

Eins jedenfalls steht fest: "Sieben Säulen der Weisheit" ist kein verläßlicher Bericht über den arabischen Aufstand in der Wüste, sondern eher eine Wunschvorstellung des Verfassers, der, in rückstrahlenden Erhellung, seine Position und seinen Einfluß erheblich vergrößert und verfälscht hat.