Von Nicolas Becker

Claus Jacobi ist Verkäufer. Er formt seine Produkte so, daß sie auf dem Markt Erfolg haben. Als Chefredakteur des "Spiegels" hat er mit diesem Rezept das deutsche Nachrichtenmagazin zu einer beachtlichen Auflagenhöhe geführt. Bald wird die "Welt am Sonntag" unter seinen Händen wieder neue Blüten ansetzen. Was hat Jacobi zwischen diesen beiden Chefredakteurposten zu verkaufen? Die Entwicklungspolitik der Weltbank. Knapp ein Jahr ist er für die Bank, die von reichen Ländern Geld leiht, um es an arme Länder auszuborgen, um den Globus gereist und hat sich die Probleme der Dritten Welt – Hunger, Armut, Arbeitslosigkeit, Bevölkerungsexplosion – angesehen.

Jacobi weiß, daß ein Buch über ein solches Thema keinen leichten Absatz findet, es sei denn, daß man es nach allen Regeln des Marketing plant. In dem vorliegenden Band

Claus Jacobi: "Die menschliche Springflut"; Ullstein Verlag, Berlin 1969; 259 Seiten, 20,– DM

ist alles exakt kalkuliert: Zielgruppe, Streubreite, psychologische Reaktionen. Das Buch richtet sich an die konservativen Kreise der gehobenen Mittelschicht (und darüber). Es liest sich flüssig – sein Stil ist eine Mischung aus Hans Habe und Robert McNamara. Historische Reminiszenzen, kalkulierte Witzchen, ernste Analyse, "Spiegel"-Schnoddrigkeiten, kleine Philosopheme und sachlicher Bericht wechseln munter ab – zur Freude des konsumgewohnten Lesers.

Wie aber kann man inhaltlich dem einflußreicheren deutschen Publikum die Notwendigkeit vermehrter Anstrengungen für die Entwicklungshilfe klarmachen? Jacobi läßt zuerst einmal Fakten sprechen: "Während Sie diesen Satz mit normaler Geschwindigkeit lesen, werden auf der Erde elf Kinder geboren." Die Weltbevölkerung verdoppelt sich in immer kürzeren Zeitspannen. So werden beispielsweise 1975 bereits vier Milliarden auf der Erde leben, während es 1960 drei Milliarden, 1925 zwei Milliarden und 1850 erst eine Milliarde Menschen waren. Die Bevölkerung explodiert aber nicht in den hochindustrialisierten weißen Ländern (plus Japan), sondern dort, wo Armut und Hunger die Regel sind: in der Dritten Welt. An Zahl sind die Bewohner der entwickelten Gebiete bereits jetzt in der Minderzahl (eine Milliarde Menschen) gegenüber zweieinhalb Milliarden in den unterentwickelten Gebieten, doch die Relation wird täglich kopflastiger. Jacobis Schlußfolgerung: "Ein Klassenkampf der Rassen ist nicht länger denkbar, sondern wahrscheinlich: Weiß gegen Gelb, Braun und Schwarz."

Jetzt hat der Leser erst einmal Angst. Doch es soll noch schlimmer kommen. Jacobi stellt die Frage: Ist die weiße Zivilisation für eine solche Auseinandersetzung gerüstet? Wohl kaum, denn der Geschichtsverlauf der herrschenden Zivilisationen gleicht der rollenden Woge. Nach dem Wellengipfel kommt das Wellental. Der weiße Mann ist auf dem Wellenkamm angekommen, mit ihm geht es bergab. Symptome: Luxus und Faulheit, Verweichlichung des Militärs, sexuelle Freizügigkeit. Ganz wie bei Nero im alten Rom.