Von Peter F. Drucker

Jemand, der nur die wirtschaftlichen Fakten und Zahlen der Jahre 1968 und 1913 gekannt hätte – und von den dazwischenliegenden Jahren außer Wirtschaftsstatistiken nichts gewußt hätte –, würde kaum ahnen, daß solch elementaren Ereignisse wie die zwei Weltkriege, die russische und die chinesische Revolution oder das Hitlerregime über unser Jahrhundert hereingebrochen sind. Sie scheinen in den Statistiken keine Spuren hinterlassen zu haben. Die ungeheure wirtschaftliche Expansion in der ganzen industriellen Welt während der letzten beiden Jahrzehnte hat im großen und ganzen nur die drei Jahrzehnte der Stagnation zwischen den beiden Weltkriegen wettgemacht. Und diese Expansion ist in der Hauptsache auf jene Staaten beschränkt geblieben, die schon 1913 "fortgeschrittene" Industriestaaten waren oder sich zumindest in rasch fortschreitender Entwicklung befanden.

Unsere Zeit ist wohl nach allgemeiner Meinung eine Zeit folgenschwerer Veränderungen in Politik und Wissenschaft, in Weltanschauung und Ethik, in der Kunst und der Kriegführung. Aber gerade auf dem Gebiet, das nach Ansicht der meisten Leute die größten Veränderungen aufweist, war das letzte halbe Jahrhundert in Wirklichkeit eine Periode erstaunlicher und einmalig dastehender Kontinuität: in der Wirtschaft.

Die wirtschaftliche Expansion der letzten 20 Jahre war sehr schnell. Aber sie war weitgehend von jenen Industrien getragen, die schon vor dem Ersten Weltkrieg das "große Geschäft" waren. Sie basierte auf technischen Methoden, die bis 1913 zur Nutzung von Erfindungen, die in den 50 Jahren vorher gemacht wurden, schon voll entwickelt waren. Technisch gesehen bedeuten die letzten 50 Jahre die Erfüllung der Verheißungen, die vielmehr das Vermächtnis unserer viktorianischen Großeltern sind, und nicht die Jahre umwälzender Veränderungen, von welchen die Sonntagsbeilagen reden.

Stellen Sie sich einen guten Wirtschaftsfachmann vor, der im Juli 1914 einschlief, kurz bevor "die Kanonen des August" die Welt der Viktorianer zerschlugen. Er wacht jetzt auf, mehr als 50 Jahre später; und als guter Wirtschaftswissenschaftler greift er sofort zu den neuen Wirtschaftsberichten und -Statistiken. Dieser Siebenschläfer würde mächtig überrascht sein, nicht deswegen, weil die Wirtschaft sich so sehr gewandelt hat, sondern weil sie sich viel weniger gewandelt hat, als irgendein Wirtschaftsfachmann (erst recht nicht ein guter) vor 50 Jahren erwartet hätte.

Geschlossener Klub

Die Statistik würde zeigen, daß bis zur Mitte der sechziger Jahre alle wirtschaftlich fortgeschrittenen Länder im großen und ganzen auf den Produktions- und Einkommensstand gekommen sind, den sie erreicht hätten, wenn die wirtschaftlichen Tendenzen, die sich etwa 30 Jahre vor 1914 abzeichneten, 50 Jahre lang im wesentlichen unverändert geblieben wären.