Von Marie Luise Scherer

Berlin

Die untersten Ränge, bat Falkner Rosenkranz, sollten aus Rücksicht auf die Nervosität der Vögel unbesetzt bleiben. Man stelle sich vor, ein Diamantenschleifer würde zur Besichtigung seiner Ware das Publikum auf einen Hochstand bestellen, dann ergibt sich die Perspektive.

In der Schlucht der Berliner Waldbühne – 88 Stufen führen abwärts – ließ Herr Rosenkranz aus Bad Salzuflen seine Greifvögel agieren und auffliegen. Dieses "nachweisbar schon 2500 Jahre alte Jagen mit abgetragenen Vögeln" kostete zwei Mark Eintritt. Einkommensschwache Interessenten zahlten eine Mark fünfzig.

An der Kasse stand Frau Rosenkranz, in der Falknerei ebenso bewandert wie ihr Ehemann Dieter, eine aschblonde Schönheit in grüner Lodenpellerine. Mit Bundhosen über roten Kniestrümpfen gab sie als Kassiererin den atmosphärischen Vorschuß auf das gute Verhältnis zwischen Mensch und Tier: Ihre Hände trugen die Narben von Schnabelhieben; auch auf ihrer "Faust" hat schon mancher Falke gesessen.

Bedenkt man, daß weder Schillers Räuber noch ein parteipolitischer Redner die Waldbühne füllten, dann waren viele Zuschauer gekommen. Die zwölf "Stoßvögel" des Ehepaares Rosenkranz nahmen sich in diesem Naturtheater mit 20 000 Plätzen allerdings wie die Besetzung eines Zimmertheaters aus. Herr Rosenkranz erklärte Charakter, Ausdauer, Spezialität und Seltenheit seiner Beizvögel über das Mikrophon. Die elektrisch verstärkte Stimme machte die Ferne der Vögel dann wieder selbstverständlich. In der Reihenfolge ihres Auftritts löste er, in ritterlicher Kniebeuge, die Falken von ihren Beinfesseln und zog ihnen die Kappen ab. Die steckbrieflichen Daten jedes Vogels sagten alles über seine Gefahr aus: "Säugetiere reißt er bis zur Karnickelgröße, Federvieh bis zur Größe eines Fasanenhahnes."

Dann schossen der Wanderfalke, der Sakerfalke, der Präriefalke oder der Lannerfalke hoch. Rosenkranz ließ währenddessen das Federspiel, eine Beuteattrappe, an einer Schnur rotieren, warf das Ding in die Luft und rief "Falke", "Ha" oder "Hai".