Die Kameramänner, fürchte ich, sind keine Freunde des amtierenden Kanzlers: Wenn er zu reden beginnt, rückt man ihm nah auf den Leib, und dann hoch mit den Linsen, nimm den Hunderter, Erwin, und heran mit dem großgroßgroßen Gesicht, keine Totale bitte, keine Mitteldistanz, der Staatsmann spricht zu seinem Volk, sondern Nahaufnahme, eine Einstellung, die entlarvt und verfremdet, aus Mündern Mäulchen und aus Wangen Bäckchen macht. Und wenn er dann sprach – mit dem Honoratiorenschwäbisch im Stil Willy Reicherts: Silben genüßlich auskostend wie ein Viertel-Trinker – vom Mehrheitswahlrecht, das nun "vom Tisch" sei – Lieblingswendung eines aktenfeindlichen Mannes –, wenn er dies Wahlrecht als "Schreckgespenst in der Besenkammer" etikettierte – immer die kleine Welt, das bürgerliche Interieur, Kammer und Tisch –, dann zeigten die Kameraleute das Gesicht eines Rollenspielers aus der Provinz, dessen Gestik selbst in jenem Augenblick noch Selbstüberzeugung verrät, in dem ein Teil der Besucher schon kopfschüttelnd, schimpfend und lachend das Theater verläßt.

Denn das taten die Leute. Der Betrachter am Bildschirm, der in dieser Woche Tagesschau und Magazine oft gemeinsam mit anderen sah, Bekannten und Fremden, konnte wieder und wieder bemerken, wie sehr sich gerade die Anhänger der christlichen Herrschaftspartei über den Stil der schlechten Verlierer (Abend für Abend, nun in Phasen zerhackt, das Schluß-Tableau der Heinemann-Wahl), über das Nichtwahrhabenwollen, die Identifikation von Staat und Partei und über jene sophistischen Sentenzen, empörtein,die gerade der oft zitierte "Mann von der Straße" als erster durchschaute: "Unser Volk will Kiesinger behalten" (ein Volk von 45 Prozent?), "Zusammenarbeit in den siebziger Jahren" (und die Verfassung? und die Wahl anno 73? findet nicht statt?). "Dieses Angebot an die FDP ist kein Kuhhandel" (und mein Finger ist meine Zehe, und das Mikrophon vor mir ist ein Pilz).

Empörung, Zynismus und Resignation in den Gesichtern verwöhnter Regenten (einzig Arthur Rathke sprach nobel und sachlich); Staunen und ein ganz klein wenig Ängstlichkeit, noch ist der einundzwanzigste nicht da, in den Mienen der Sozialdemokraten; Prankenschläge auf die Schulter, aber schnell ein toi-toi-toi dazu gesagt: Es war aufschlußreich, in dieser Woche auf die kleinen Gesten zu achten und zugleich zu beobachten, mit welcher Schnelligkeit am Freitag, die großen nichtigen Worte plötzlich zu schrumpfen begannen, Alleinvertretungsrecht, wir sprechen für die Brüder und Schwestern mit im anderen Teil, wie da sichtbar wurde, in einer einzigen Stunde, daß der Posten, den man noch besetzt glaubte mit Patrioten im Lande, nur noch der Posten der Bildzeitung ist.

Ein Hauch von Fröhlichkeit stellte sich ein, ein Zipfelchen Wahrheit schien durch. Die alten Formeln standen als Popanze da.

Momos