Wenn in Amman die Sirene heult

Von Karin Kiekhöfel

Der Mensch im Kriege ist ein gar bestaunenswertes Wesen. Zu seinen Besonderheiten hier in Amman gehört es, daß er, wenn er überhaupt demonstriert, für die Fortführung des Krieges eintritt. Er will, so ruft er, kämpfen und, wenn es sein muß, auch sterben.

Tatsächlich würde der, der hier offen und laut für den Frieden einträte, auf wenig Verständnis stoßen. Also muß man mit dem Krieg leben, mit dem Krieg in der "kleinen Form", wie er alltäglich zwischen Suez, Jerusalem und Amman praktiziert wird.

Morgens, wenn die Vierjährigen vor dem Haus Fliegerangriff spielen und mit ihren kreischenden Stimmen Luftschutzsirenen imitieren, wenn Abud mit seinem Ba-ba-ba-ba-ba-Gebrüll um die Ecke flitzt und seinen Freunden erklärt, nun seien sie alle tot, steige ich ins Auto und fahre hinunter in die Stadt zum Souk, zum Gemüsemarkt. Frisches Obst, Zwiebeln, Salat und Kartoffeln haben die Lastwagen um diese Zeit von der besetzten Westbank gebracht.

Hier, im Zentrum Ammans, drängen sich die Menschen, unter ihnen die Guerilleros in den kleingesprenkelten Tarnanzügen, Polizisten, Beduinen. Hier, wo in dieser Stadt zuerst geschossen wird, wenn Partisanen, Polizisten und Soldaten ihre Meinungsverschiedenheiten mit der locker sitzenden Waffe austragen, gibt es den besten Salat: frisch, grün und preiswert.

Gestern starb hier ein Guerillero, der sich kurzentschlossen über eine Handgranate geworfen hatte, die aus seiner Tasche gefallen war. Vor Taufiks Gemüsestand wurde er zerfetzt. Man spülte die Straße ab, nachdem die Leiche fortgebracht worden war. Kurz darauf pries der listige Händler mit den blanken schwarzen Augen mir seine Apfelsinen als erstklassige Ware aus Israel an. Man steht mit dem Tod auf gutem Fuß; man kennt sich, das läßt die Furcht kleiner werden.