Von Hartwig Meyer

Im Koordinatenkreuz des Weltwährungsgefüges hat die Mark einen vorläufigen Platz gefunden. Seit Dienstag vergangener Woche hat sie "mit sanftem Druck der Bundesbank" Stufe für Stufe erklommen und mit 3,75 Mark je Dollar eine Aufwertung um sechs Prozent erfahren. In dieser Zeit, in der jeder agile Devisenhändler spekulatives Neuland zu betreten hoffte, blieben befürchtete Turbulenzen an den Devisenmärkten aus – dank einer verblüffend einfachen Taktik der Notenbank und dank der Erwartung aller, daß der "frei schwebende" Kurs der Mark nur ein Zwischenspiel zu einem neuen, festen Dollarpreis der Mark bedeutet, der höher liegt als zuvor.

Die Taktik der Bundesbank bestand darin, der ersten Reaktion des Marktes nach Freilassung der Mark aus dem System der festen Wechselkurse zu folgen und damit zugleich deren Aufstieg zu unterstützen. Das geschah folgendermaßen: Am Dienstag letzter Woche setzten die Devisenhändler den Kurs der Mark’um vier Prozent von 4 auf 3,84 Mark je Dollar "auf Verdacht" hinauf. An der Börse kalkulierte man: Gleichgültig, welche Koalition in Bonn das Ruder ergreift – an einer Umwandlung der vierprozentigen Exportsteuer auf alle deutschen Warenexporte in eine Aufwertung gleichen Umfangs kommt keiner mehr vorbei.

Zu diesem vom amtlichen Devisenmakler in Frankfurt ermittelten Kurs erklärte sich die Bundesbank bereit, Dollars zu verkaufen, nicht aber zu kaufen. Der Markt interpretierte das als Signal dafür, daß es eine Rückkehr in Richtung der alten Parität, ohne Rücksicht auf markttechnische Reaktionen, nicht mehr gibt. Denn wer kauft noch Dollars zu 3,86 Mark das Stück, wenn die Notenbank den Dollar zu 3,84 Mark "Brief" stellt?

Die Händler ließen daraufhin den Kurs der Mark weiter in die Höhe gehen, wobei ihnen die Notenbank jeweils mit entsprechenden Verkaufsangeboten folgte und damit ein Abgleiten des Markkurses nach unten; in Richtung auf die alte .Parität, praktisch verhinderte.

Diese Methode hat, der Bundesbank, deren Direktoren an manchen Tagen mehr als einmal zusammen berieten, Lob und Tadel eingebracht. Lob bei manchen Devisenhändlern, die für das Verhalten der Notenbank Verständnis zeigten und mit ihr der Meinung waren, daß eine zeitlich befristete und markttechnisch bedingte Rückkehr zur alten Parität nur Unruhe am Markt gestiftet hätte. Tadel bei politisch denkenden Bankiers und Industriellen, die eine geheime Kumpanei zwischen Wirtschaftsminister Karl Schiller und der Bundesbank witterten. In ihnen keimte der Argwohn auf, beide wollten, über die Köpfe der amtierenden Regierung hinweg, den endgültigen Aufwertungssatz unter sich abmachen.

In der Bundesbank wird die "faktische Beeinflussung des Marktes" nicht bestritten. Schon als das Konzept der freien Wechselkurse von Bundesbankdirektor Otmar Emminger aus der Taufe gehoben wurde, war man sich im klaren darüber, daß der "richtige" Marktkurs der Mark nicht in ein paar Tagen zu finden sein werde. Ein Kurs, der nach Berechnungen der Notenbank über durchschnittliche Preisunterschiede zwischen der Bundesrepublik und dem Ausland durchaus um acht Prozent über der alten Markparität liegen könnte. Eingedenk der Erfahrungen aus den Beiden letzten Spekulationswellen in die Mark (im November 1968 und im Mai 1969) hatte man sich gewappnet und der nach solchen Perioden der üblichen Markschwemme oder Dollarlücke von vornherein die Spitze abgebogen.