Ich habe niemals die Absicht gehabt, Kriegserinnerungen zu schreiben, niemals wollte ich Dokumentationen und Kriegshistorie durch eigene Beiträge bereichern. Als ich in den Jahren nach dem Mai 1945 als Keramikmaler und später als Werbeassistent das gar nicht heroische und in vieler Hinsicht banale Alltagsleben des Angestellten führte und der Umgang mit der Rechenmaschine und das Diktat von Geschäftsbriefen an die Stelle des Fliegens rassiger Jagdflugzeuge trat, waren es nicht die Erinnerungen an die großen Luftkämpfe und die siegreichen Vormärsche, die mich immer wieder überfielen, sondern die Erinnerungen an jene Tage in Sizilien. Vielleicht war es die Eigenart des Geschehens, die mich besonders beeindruckt hat, die Eigenart, die darin bestand, daß man mir eine Aufgabe gab, die undurchführbar war und die mir bewußt machte, daß eine Wende zur endgültigen Niederlage eingetreten war.

Die Luftwaffe zog als Torso in den Krieg. Als dieser zum Mehrfrontenkrieg gegen Großmächte wurde, waren die Führung und das Instrument nicht im entferntesten in der Lage, ihre Aufgabe zu bewältigen.

Unter dem ersten Generalstabschef der Luftwaffe entstand die erste Luftkriegsvorschrift (LdV 16), sie behandelte im wesentlichen den Luftangriff und teilte der Luftverteidigung eine nebensächliche Rolle zu.

So existierte die Luftwaffe im Jahre 1939 in einer militärischen Vorstellungswelt, die Möglichkeiten und Grenzen der eigenen Kräfte außer acht ließ. Der "selbständige" Luftkrieg, die Zerstörung der Kraftquellen des Gegners – von den Angelsachsen zutreffend "Strategischer Luftkrieg" genannt – wurde vom Generalstab der Luftwaffe nie konsequent geplant. Der Angriffskrieg sollte vielmehr mittels "operativer" Bomberkräfte geführt werden, die nach Umfang und Charakteristik bestenfalls zur temporären Störung des gegnerischen Potentials, aber nicht zu dessen Vernichtung fähig waren.

Bei Kriegsbeginn war die Luftverteidigung des Reiches schlimm vernachlässigt. Die Flak war – überbewertet – fast ausschließlich als aktiver Träger des Abwehrkampfes vorgesehen. Es gab keine zusammenhängende Organisation für die Führung des Abwehrkampfes, da man nicht mit Luftangriffen auf das Reich rechnete.

Als die Nachtangriffe der Engländer begannen und – wenig später – die Tagesangriffe der Amerikaner, war es zu spät, die Versäumnisse nachzuholen.

Während Göring als Richthofens Nachfolger aktiver Flieger gewesen war und wohl wissen mußte, daß sich der Luftkrieg zu einem selbständigen Element des Krieges entwickelt hatte, kamen zahlreiche Generale und höhere Führer vom Heer und von der Marine, und nur wenigen von ihnen gelang es, die anders gearteten Gesetze des Krieges in dem Element Luft zu erfassen. Sie taten ihr Bestes, indem sie die Berechtigung erwarben, Flugzeuge zu fliegen, oder sich als Beobachter ausbilden ließen, aber die meisten waren nicht in dieser neuen Waffe "gewachsen", und ihre Vorstellungen vom Krieg in der Luft kamen aus der engen Vorstellungswelt des Landkrieges.