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Von Willi Bongard

Und wo würden Sie, wenn Sie es noch einmal zu tun hätten, heute Nationalökonomie studieren?"

So oder ähnlich bin ich mehrfach gefragt worden, nachdem ich das Vergnügen hatte, ein Dutzend Universitäten zu bereisen und dabei jeweils einen prominenten Wirtschaftswissenschaftler näher kennenzulernen. Es kann natürlich keine Rede davon sein, daß ich mir auf diese Weise einen wirklich umfassenden Überblick verschafft hätte und mir nun ein fundiertes Urteil über den Rang der Universitäten und die Professoren, die heute Wirtschaft lehren, leisten könnte.

Ich hätte weitere zwei Dutzend Universitäten bereisen und mindestens zehnmal soviel Professoren kennenlernen müssen, um auf die Frage nach der "besten" Universität auch nur halbwegs gewissenhaft antworten zu können. Davon abgesehen habe ich Zweifel, ob es so etwas wie die "beste" Universität überhaupt gibt. Sie gibt es wahrscheinlich ebensowenig wie die "schönste" Frau, wenn dieser Vergleich gestattet ist.

Um bei diesem Vergleich zu bleiben, der sich deshalb anbietet, weil zumindest ältere Semester von ihrer Universität gern als "alma mater" sprechen: Eine verbindliche Auskunft über die "beste" Universität kann es allein schon deshalb nicht geben, weil Professoren sich dem Beobachter in der Regel nicht minder schwer zu erkennen geben als Frauen. Und Universitäten sind nun einmal so gut oder so schlecht wie die dort lehrenden Professoren.

Nach Abschluß eines Studiums ist man regelmäßig klüger als zuvor. Und es soll Professoren – wie Frauen – geben, aus denen man nie klug wird. Was freilich nicht hindert, daß man sie verehrt oder gar für sie schwärmt...

Und dennoch: Wahrscheinlich habe ich schon als Student vor zwanzig Jahren unbewußt den Wunsch verspürt, die "beste" Universität kennenzulernen. Anders kann ich es mir heute jedenfalls nicht erklären, daß ich seinerzeit in zehn Semestern sechsmal die Universität gewechselt habe.

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Wenn ich mich allerdings frage, nach welchen Gesichtspunkten ich mich damals für so verschiedene Universitäten wie Göttingen, Freiburg, Köln, Innsbruck, München und Wien entschied, so muß ich beschämt gestehen, daß wissenschaftliche Überlegungen dabei mit Abstand die geringste Rolle spielten.

An Göttingen reizte mich die vermeintliche Idylle einer altehrwürdigen Universitätsstadt viel eher als alle Professoren zusammengenommen –, mit Ausnahme von Wolfgang Kaiser, dessen Vorlesungen mir den größten Genuß verschafften. Kaiser hatte nur den einen "Fehler", daß er nicht Nationalökonom war ...

In Freiburg hatte ich es viel eher auf Radtouren durch den Schwarzwald und auf die herrlichen Kaiserstühler Weine als auf die ordoliberale Schule abgesehen. Walter Eucken, dessenwegen es mich noch am ehesten nach Freiburg gezogen hätte, lebte damals schon nicht mehr.

In Innsbruck war es, offen gestanden, die Aussicht, ein "Wintermärchen" zu erleben und mich im Skilaufen vom Patscherkofi und von der Seegrube zu üben.

In Köln allerdings waren es die großen Namen der dort Lehrenden, die mich vorübergehend in ihren Bann zogen. Nach einem Semester ergriff ich jedoch panikartig die Flucht vor dem, was man Mitte der fünfziger Jahre, als "Massenbetrieb" empfand. Dabei waren es damals im Vergleich zu heute selbst in Köln noch beinahe idyllische Studienverhältnisse.

An München reizten mich die Pinakothek und der Fasching, obwohl ich von beiden nicht allzu viel hatte, weil ich feststellen mußte, daß ein Abschlußexamen eben doch ein Mindestmaß an Vorbereitung erfordert. Dennoch verbindet sich bei mir mit München heute viel eher die Vorstellung von gemütlichen Schwabinger Studentenlokalen und oktoberfestlichen Ausgelassenheiten als von Professorenpersönlichkeiten. Dies, obgleich ich das Glück hatte, von Adolf Weber und von dem damals schon greisen aber immer noch temperamentvollen von Zwiedineck-Südenhorst ins Seminar aufgenommen zu werden.

Was mich schließlich nach Wien hinzog, war die Aussicht, im kleinsten Kreis und in engstem Kontakt mit den Professoren eine wissenschaftliche Arbeit anzufertigen. Tatsächlich waren wir nicht selten samt Professor nur zu dritt im Kolleg, so daß wir nach dem Motto "tres faciunt collegium" – mitunter ins benachbarte Schottencafé am Ring bei einer Schokolade oder einem "kleinen Braunen" den Vorlesungsstoff diskutierten.

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Mein eigentliches Studium aber begann erst, nachdem ich die Universität verlassen hatte.

Die "beste" Universität, das sind, wie ich es sehe, auch heute noch mindestens zwei Universitäten, möglichst drei, besser noch vier, am besten fünf oder mehr. Auf daß man nicht Gefahr laufe, auf nur eines Meisters Worte zu schwören und dem Zwang ausgesetzt werde, sich ein eigenes Urteil zu bilden. Zugegeben, daß es heute schwerer fallen mag, die Universität öfter als einmal im Laufe eines Studiums zu wechseln; aber gerade das wirtschaftswissenschaftliche Studium bietet auch heute immer noch sehr viel größere Möglichkeiten eines häufigen Wechsels des Studienortes als wahrscheinlich irgendein anderes Fach. Das hat nicht zuletzt damit zu tun, daß sogenannte Lehrmeinungen im Bereich der Wirtschaftswissenschaft eine sehr viel geringere Rolle spielen als in anderen Fächern. Daran, so scheint mir, hat sich im Laufe der letzten zwanzig Jahre nichts geändert.

Ich werde auf der anderen Seite den Verdacht nicht los, daß ich heute wahrscheinlich mit Pauken und Trompeten durch jedes (oder jedes zweite) Diplomexamen "rasseln" würde, von rigorosen Doktorprüfungen ganz zu schweigen.

Was mich mit anderen Worten am meisten überrascht und beeindruckt hat bei meinen Streifzügen durch die deutsche Universitätslandschaft ist das Vordringen, um nicht zu sagen, Vorherrschen der mathematischen Richtung der Nationalökonomie. In den fünfziger Jahren war man, wie man es damals sah, selber schuld, wenn man in Kiel bei Erich Schneider studierte – und dort feststellen mußte, daß man in Mathematik auf der Penne zu schlecht aufgepaßt hatte, um den Anforderungen der Ökonometrie, der mathematischen Richtung der Nationalökonomie, gewachsen zu sein.

In München, Freiburg und selbst in Köln, ganz zu schweigen von Innsbruck oder Wien, kam man bis Mitte der fünfziger Jahre auch ohne Differenzen- und Differenzialquotienten oder Integrale, aus. Mittlerweile aber hat die mathematische Richtung in der volkswirtschaftlichen Theorie eindeutig die Oberhand gewonnen – wenn nicht Überhand genommen.

Für einen Wirtschaftswissenschaftler, der über – den Gegenstand und die Probleme, dieser Wissenschaft in Worten unterrichtet worden ist, ist es geradezu deprimierend, in ein Kolleg von Bombach, von Weizsäcker, Krelle oder Ott zu gehen.

Mittlerweile hat die deutsche Nationalökonomie, soweit man davon in solcher Verallgemeinerung sprechen kann, weitgehend. Anschluß an das "internationale Niveau" gefunden. Dieses Niveau, wird – spätestens seit Keynes’ "Allgemeiner Theorie" aus dem Jahre 1936 – vorwiegend von der angelsächsischen Forschung und Lehre bestimmt. Bezeichnend hierfür ist die Vielzahl englischsprachiger Beiträge in deutschen Fachzeitschriften und die dominierende Rolle der angelsächsischen Literatur. Die Kenntnis des Englischen gehört heute für jeden Studenten der Nationalökonomie neben der Beherrschung der mathematischen Formelsprache nachgerade zu den elementaren Voraussetzungen für einen erfolgreichen Abschluß an den meisten deutschen Universitäten.

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Es fehlt nicht an kritischen Stimmen, die von einer "vollständigen Überfremdung durch das angelsächsische Denken" (Werner Hofmann) sprechen und vor einer übertriebenen Mathematisierung und damit verbundenen Formalisierung der Nationalökonomie warnen. Diese Kritik ist insofern verfehlt, als die Wissenschaft keine nationale Angelegenheit ist oder sein sollte und deshalb die Gefahr einer "Überfremdung" gar nicht gegeben sein kann. Man sollte vielmehr dankbar dafür sein, daß die Zeit, in der die deutschen Sozialwissenschaften künstlich von der internationalen Entwicklung ausgeschlossen blieben, überwunden ist.

Auf der anderen Seite muß es zu denken geben, daß ein Professor wie Erich Schneider, der die Mathematisierung der Nationalökonomie im deutschsprachigen Raum sozusagen "auf dem Gewissen" hat, in seiner Abschiedsvorlesung die Warnung aussprach, daß die Sprache der Mathematik, so nützlich sie auch sei, für den Ökonomen nur ein Werkzeug, kein Selbstzweck ist: "Allen werdenden Ökonomen möchte ich in dieser Stunde sagen: Fragen Sie immer nach dem ökonomischen Sinn der Voraussetzungen und der Ergebnisse eines mathematischen Räsonnements. Im Grunde ist – ich zitiere Pareto – jede Methode gut. Wenn man es ohne Mathematik tun kann, um so besser, wenn nicht, muß man sie verwenden."

Es scheint übrigens, als ob – was die Leistungsfähigkeit der mathematischen Methode anlegt – bereits eine gewisse Ernüchterung eingetreten ist. Auf alle Fälle ist eine realistischere Beurteilung der Möglichkeiten der Ökonometrie zur Erhellung nationalökonomischer Probleme festzustellen.

Die zunehmende Mathematisierung und daraus resultierende Formalisierung der Nationalökonomie muß sich aber noch aus einem anderen Grunde Kritik gefallen lassen. Es wächst die Zahl der Studierenden – und nicht nur der Studierenden –, die eine Einbeziehung der Nationalökonomie in den gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang vermissen und die ihren Professoren den Vorwurf machen, sich in einen elfenbeinernen Turm zurückzuziehen, um sich dort "abstrakten Modellschreinereien" fernab von der wirtschaftlichen Wirklichkeit zu widmen

Diejenigen Professoren, die sich, wie beispielsweise Alfred Ott in Tübingen, hinter der These Max Webers von der Werturteilsfreiheit der Wissenschaft verschanzen, haben es heute schwerer denn je. Sie geben sich einer Täuschung hin wenn sie glauben, daß der sogenannte "Werturteilsstreit" beigelegt oder gar endgültig im Sinne Max Webers entschieden sei.

Mehr und mehr Studenten erwarten vielmehr von ihren Lehrern, daß sie Position beziehen daß sie "Farbe bekennen". Und es scheint, als ob mehr und mehr Professoren von Unbehagen an den "Glasperlenspielen" geplagt werden, wie sie gegenwärtig gespielt werden.

Man mag darüber streiten, ob die "linken" Studenten den Bogen nicht überspannen, wenn sie von ihren Professoren verlangen, daß sie auf jede Frage der Tagespolitik eine Antwort bereithalten. Man mag außerdem geteilter Meinung darüber sein, ob unsere Universitäten degeeignete Ort für politische Willensbildung sind und ob nicht sowohl die Lehre wie auch der Forschungsbetrieb darunter leiden müssen, wenn die "Politisierung" des Studiums zu weit getrieben wird. So sehr auf der einen Seite eine Renaissance der "politischen Ökonomie" zu wünschen wäre, so wenig wird man auf der anderen Seite die Gefahr einer Politisierung der Wirtschaftswissenschaften verkennen dürfen. Die "Arbeitsteilung" ist der Produktivität in der Wissenschaft nicht minder förderlich als in der Wirtschaft.

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Die Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler müssen sich jedoch darüber klar sein, daß sie sich selbst dann – und gerade dann –, wenn sie sich sine ira et studio auf die bloße Analyse der Funktionsweise des kapitalistischen Produktionssystems beschränken, den Vorwurf, dieses System kritiklos zu stützen, gefallen lassen, müssen.

Die Stellungnahme des AStA der Universität Mannheim, die sich auf die von Professor Knut Borchardt – und nicht nur von Borchardt – vertretene Forderung der Trennung von Wissenschaft und Politik bezieht, entbehrt nicht einer gewissen inneren Logik: "Borchardt kennt genau seine Rolle als Ordinarius und die damit verbundene Herrschaftsposition, die es ermöglicht, daß die von ihm vermittelte traditionelle ökonomische Lehre, die das kapitalistische System wissenschaftlich zu fundamentieren hat, von den meisten Studenten autoritätsgläubig und unkritisch perzipiert wird. Wenn er den Kapitalismus aus praktischen Gründen akzeptiert, muß er notwendigerweise dessen Ideologie übernehmen, denn die Praxis des kapitalistischen Systems produziert die Ideologie, die seine Herrschaftsansprüche legimitieren soll."

Es sind nicht nur "linke" Studenten, die so argumentieren. Selbst Carl Christian von Weizsäcker, der sich als Professor aus der Politik weitgehend herauszuhalten und seinen Stoff jenseits von Gut und Böse, von Rechts oder Links, vorzutragen sucht, konzediert, daß beispielsweise die Theorie der Produktion, wie sie heute an unseren Universitäten gelehrt wird, unbefriedigend ist: "Was heute als Output gemessen wird, ist das, was die privatkapitalistische Firma verkaufen kann. Die ganze Messung des Sozialprodukts und damit der volkswirtschaftlichen Produktivität besitzt diese privatkapitalistische Verzerrung. Hier könnte man wirklich leicht auf die Idee kommen, daß die in den kapitalistischen Ländern entwickelte ökonomische Theorie vor allem apologetischen Charakter hat."

Merkwürdigerweise scheint man gegenwärtig zu übersehen oder nicht wahrhaben zu wollen, daß die in östlichen Ländern entwickelte Theorie der sozialistischen Wirtschaft nicht minder apologetischen Charakter hat. Wenn Sozialisten oder Kommunisten und Kapitalisten dasselbe tun, so ist es – nach dem gegenwärtigen Stand der Diskussion – offenbar noch lange nicht dasselbe.

Die Schwäche, um nicht zu sagen, das Elend der Nationalökonomie von hier und heute scheint mir darin zu bestehen, daß man sich scheut, das kapitalistische System auch ideologisch zu rechtfertigen. Oder sollte die Marktwirtschaft, wie sie hierzulande praktiziert wird, wirklich nur eine Veranstaltung zur Erzielung eines höchstmöglichen Sozialproduktes sein?

Es ist, wie ich es sehe, nachgerade deprimierend, die vielfältigen "Ausreden" zu rekapitulieren, mit denen führende Vertreter der Nationalökonomie das kapitalistische Produktions- und Gesellschaftssystem zu verteidigen suchen. Die einen weisen auf die größere produktionstechnische "Effizienz" hin, andere reden sich auf die größere "Praktikabilität" hinaus, wieder andere exkulpieren sich mit dem Hinweis auf den "optimalen Wissenerzeugungsprozeß" und was es dergleichen mehr Argumente für die praktisch-technischen Vorteile dieses Systems gibt. Fast keiner derjenigen, die heute im deutschsprachigen Raum Wirtschaft lehren, wagt es, auf die Kongruenz des marktwirtschaftlichen Systems mit der westlichen Vorstellung von Demokratie hinzuweisen.

Das Wort Freiheit wagt kaum jemand mehr als Rechtfertigungsgrund für das marktwirtschaftliche System in den Mund zu nehmen. Als ob man sich genieren müsse, den Zusammenhang zwischen Wettbewerbswirtschaft und freiheitlich demokratischer Rechts- und Gesellschaftsordnung darzulegen oder auch nur zur Diskussion zu stellen.

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Ich gestehe, daß es für mich einer der erschütterndsten Augenblicke war, als Professor Kenneth G. Galbraith, einer der führenden Nationalökonomen in der westlichen Welt, im Angesicht der Berliner Mauer (!) den zynischen Ausspruch tat: "I am not particular about freedom any more – ich halte von Freiheit nicht mehr allzuviel!"

Es ist hier nicht der Ort noch die passende Gelegenheit, darüber zu räsonnieren, ob der Freiheit (noch) ein besonderer Wert beizumessen ist, ob es sich lohnt, ein Wirtschafts- und Gesellschaftssystem zu verteidigen, das diesen Begriff an die Spitze der Rangskala der Werte setzt; aber es sei immerhin vermerkt, daß es in diesem Lande, von wenigen Ausnahmen abgesehen, gegenwärtig offenbar verpönt ist, nach einer ideologischen Rechtfertigung des kapitalistischen Systems zu suchen. Die Ent-Ideologisierung der Nationalökonomie scheint mir jedenfalls eines der hervorstechendsten Merkmale der Lehre von der Wirtschaft, wie sie heute an den meisten deutschen Universitäten vorgetragen wird. Es sei denn, man würde den Pragmatismus in den Rang einer Ideologie erleben.

Der Ordo-Liberalismus, wie er von der "Freiburger Schule" (Eucken, Böhm, Hayak, Lutz u. a.) entwickelt worden ist und der "sozialen Marktwirtschaft" der Nachkriegsjahre das theoretische und ideologische Rüstzeug geliefert hat, scheint beinahe in Vergessenheit geraten.

Nach Figuren von der Ausstrahlung eines Wilhelm Röpke oder Alexander Rüstow, die heute vielfach als "Moralisten" abqualifiziert werden, sieht man sich an deutschen Universitäten vergebens um. Neoliberale Überzeugungen oder auch nur Varianten davon lassen sich gegenwärtig nur noch in Spurenelementen nachweisen.

Statt dessen wächst die Zahl der Professoren, die sich in zunehmendem Maße von der Argumentation der APO beeindruckt zeigen und mit sozialistischen Gesellschafts- und Wirtschaftsmodellen sympathisieren. Inwieweit hierbei (auch) modische Gesichtspunkte eine Rolle spielen, sei dahingestellt.

Tatsache ist, daß Marx, Lenin und Mao von deutschen Professoren heute fleißiger denn je gelesen und zitiert werden. Es ist offenbar "chic", neonazistischen Vorstellungen, wenn schon nicht offen zu huldigen, so doch Geschmack abzugewinnen. Das Unbehagen am "kapitalistischen Wirtschafts- und Gesellschaftssystem" – was immer man darunter verstehen mag – gehört heute an deutschen Universitäten nachgerade zum guten Ton.

Auf der anderen Seite wagt kaum einer der deutschen Nationalökonomen, sich offen zu einem sozialistischen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodell zu bekennen. Werner Hofmann, Marburg, zählt hier zu den wenigen Ausnahmen, aber selbst er behauptet, fest auf dem Boden des Grundgesetzes zu stehen.

Die Studenten, die heute Nationalökonomie studieren, sind wahrlich nicht zu beneiden. Sie befinden sich in der Rolle jenes Kunden, den Nietzsche einmal geschildert hat: Vor einem Laden findet er das Schild: "Hier wird gemangelt." Hoffnungsvoll betritt er den Laden in der berechtigten Erwartung, daß hier gemangelt werde. Allein, es stellt sich heraus, daß es sich um einen Trödlerladen handelt, der nur das Schild ."Hier wird gemangelt" zu. verkaufen hat ...