Die Sozial- und Wirtschaftswissenschaftler müssen sich jedoch darüber klar sein, daß sie sich selbst dann – und gerade dann –, wenn sie sich sine ira et studio auf die bloße Analyse der Funktionsweise des kapitalistischen Produktionssystems beschränken, den Vorwurf, dieses System kritiklos zu stützen, gefallen lassen, müssen.

Die Stellungnahme des AStA der Universität Mannheim, die sich auf die von Professor Knut Borchardt – und nicht nur von Borchardt – vertretene Forderung der Trennung von Wissenschaft und Politik bezieht, entbehrt nicht einer gewissen inneren Logik: "Borchardt kennt genau seine Rolle als Ordinarius und die damit verbundene Herrschaftsposition, die es ermöglicht, daß die von ihm vermittelte traditionelle ökonomische Lehre, die das kapitalistische System wissenschaftlich zu fundamentieren hat, von den meisten Studenten autoritätsgläubig und unkritisch perzipiert wird. Wenn er den Kapitalismus aus praktischen Gründen akzeptiert, muß er notwendigerweise dessen Ideologie übernehmen, denn die Praxis des kapitalistischen Systems produziert die Ideologie, die seine Herrschaftsansprüche legimitieren soll."

Es sind nicht nur "linke" Studenten, die so argumentieren. Selbst Carl Christian von Weizsäcker, der sich als Professor aus der Politik weitgehend herauszuhalten und seinen Stoff jenseits von Gut und Böse, von Rechts oder Links, vorzutragen sucht, konzediert, daß beispielsweise die Theorie der Produktion, wie sie heute an unseren Universitäten gelehrt wird, unbefriedigend ist: "Was heute als Output gemessen wird, ist das, was die privatkapitalistische Firma verkaufen kann. Die ganze Messung des Sozialprodukts und damit der volkswirtschaftlichen Produktivität besitzt diese privatkapitalistische Verzerrung. Hier könnte man wirklich leicht auf die Idee kommen, daß die in den kapitalistischen Ländern entwickelte ökonomische Theorie vor allem apologetischen Charakter hat."

Merkwürdigerweise scheint man gegenwärtig zu übersehen oder nicht wahrhaben zu wollen, daß die in östlichen Ländern entwickelte Theorie der sozialistischen Wirtschaft nicht minder apologetischen Charakter hat. Wenn Sozialisten oder Kommunisten und Kapitalisten dasselbe tun, so ist es – nach dem gegenwärtigen Stand der Diskussion – offenbar noch lange nicht dasselbe.

Die Schwäche, um nicht zu sagen, das Elend der Nationalökonomie von hier und heute scheint mir darin zu bestehen, daß man sich scheut, das kapitalistische System auch ideologisch zu rechtfertigen. Oder sollte die Marktwirtschaft, wie sie hierzulande praktiziert wird, wirklich nur eine Veranstaltung zur Erzielung eines höchstmöglichen Sozialproduktes sein?

Es ist, wie ich es sehe, nachgerade deprimierend, die vielfältigen "Ausreden" zu rekapitulieren, mit denen führende Vertreter der Nationalökonomie das kapitalistische Produktions- und Gesellschaftssystem zu verteidigen suchen. Die einen weisen auf die größere produktionstechnische "Effizienz" hin, andere reden sich auf die größere "Praktikabilität" hinaus, wieder andere exkulpieren sich mit dem Hinweis auf den "optimalen Wissenerzeugungsprozeß" und was es dergleichen mehr Argumente für die praktisch-technischen Vorteile dieses Systems gibt. Fast keiner derjenigen, die heute im deutschsprachigen Raum Wirtschaft lehren, wagt es, auf die Kongruenz des marktwirtschaftlichen Systems mit der westlichen Vorstellung von Demokratie hinzuweisen.

Das Wort Freiheit wagt kaum jemand mehr als Rechtfertigungsgrund für das marktwirtschaftliche System in den Mund zu nehmen. Als ob man sich genieren müsse, den Zusammenhang zwischen Wettbewerbswirtschaft und freiheitlich demokratischer Rechts- und Gesellschaftsordnung darzulegen oder auch nur zur Diskussion zu stellen.