In der vergangenen Woche wurde von der Bundesregierung zum erstenmal nach zwanzig Jahren der Trennung eine "vergleichende Darstellung des Bildungswesens im geteilten Deutschland" veröffentlicht, die dem Interesse der Öffentlichkeit bisher jedoch entging. Das mag sowohl an den Bonner Wahl- und Koalitionsturbulenzen gelegen haben als auch an dem Aufsehen, das Bundesforschungsminister Stoltenberg wenige Tage zuvor mit seinem "Konkurrenz"-Bericht über die Lage von Wissenschaft und Forschung in den beiden Deutschlands erregt hatte. Er präsentierte indessen lediglich den ersten Teil der Studie, die der Bundestag im Mai dieses Jahres in Auftrag gegeben hatte. Dabei konnte er sich Aufmerksamkeit nicht zuletzt durch die beruhigende Feststellung sichern, daß die Bundesrepublik "dank stärkerer Wirtschaftskraft, eines größeren Forschungspotentials und einer engen Verflechtung noch immer einen großen Vorsprung vor Mitteldeutschland" hat.

Für den zweiten Teil der Studie, den Vergleich des Bildungswesens in Ost und West, für die das Gesamtdeutsche Ministerium federführend war, würde ein ähnlicher Tranquilizer sehr viel schwieriger zu finden sein.

Die vergleichende Darstellung ist ein getreues Spiegelbild der kulturföderalistischen Problematik einerseits und der scheinbaren Vorzüge eines zentralistisch, diktatorisch regierten Staates andererseits. Daß die Bundesländer an der Darstellung des Bildungswesens in der Bundesrepublik mitwirkten, trug nicht wesentlich zur Übersichtlichkeit bei. Die Untersuchung des DDR-Bildungswesens wirkt dagegen plastisch und klar gegliedert, obwohl sehr viel weniger Informationen dafür zur Verfügung standen.

Beim Studium des Vergleichs werden die westdeutschen Kulturpolitiker nicht umhinkommen, ihre DDR-Kollegen im geheimen um die Vorteile zu beneiden, die einem autoritären Staat zur Verfügung stehen.

Während beispielsweise die Einführung des neunten Schuljahres in der Bundesrepublik mit Ach und Krach 1970 in allen Ländern endlich verwirklicht sein wird, existiert in der DDR schon seit 1959 die allgemeine zehnjährige Schulpflicht.

Seit 1965 hat die DDR ein "Gesetz über das einheitliche sozialistische Bildungssystem". Seitdem wird systematisch an der Entwicklung eines Planungssystems im Bereich des Bildungswesens gearbeitet. "Eine entsprechende Aufstellung für die Bundesrepublik", so heißt es in der Darstellung lapidar, aber vielsagend, "war im Rahmen dieser Untersuchung nicht möglich..."

Während die Bestrebungen in der Bundesrepublik, ein Vorschuljahr einzuführen, erst jetzt langsam Bedeutung erlangen, wurden in der DDR die Kindergärten bereits 1946 als Vorstufe der Einheitsschule dem Schulsystem eingegliedert.