DIE ZEIT

Wird der Wählerwille verfälscht?

Bald nach der Wahl Gustav Heinemanns zum Bundespräsidenten erzählte ein bekannter holländischer Widerstandskämpfer, der damals Hamburg besuchte, seit jenem Ereignis hätte sich der Tenor der Berichterstattung in den Zeitungen seines Landes von Grund auf verändert: "Mit einem Mal sieht man die Bundesrepublik in einem ganz anderen Licht.

Schonfrist für Bonn

Brüssels Selbstbewußtsein hat einen Stoß bekommen. Präsident Jean Rey und die Mitglieder seiner EWG-Kommission fürchten um ihre Autorität.

Athener Alternative

Zwei Jahre lang hüllte er sich in Schweigen. Nunmehr hat der populärste griechische Politiker, der konservative Ex-Ministerpräsident Karamanlis, aus dem Pariser Exil der Athener Junta den Kampf angesagt.

Basteln an Berlin

Die Bonner Ostpolitik soll kraftvoller und konsequenter werden als zu Kiesingers Zeiten – das haben Willy Brandt und Walter Scheel dem Volk versprochen.

„Zwengs’m Regirn nach Bonn“

Er kam aus dem Kleinen Konferenzzimmer im dritten Stock des Münchener Prominentenhotels Deutscher Kaiser, knüpfte seine Jacke auf und erklärte lakonisch: „Die bayerische FDP hat sich für eine Bonner Regierungskoalition mit der SPD entschieden.

ZEITSPIEGEL

Nationaldemokratische Parteien sollten nicht mehr länger als Brutstätten eines wiedererwachenden Neonazismus verschrien werden.

Und nun dreißig Jahre Schweden?

Plisch und Plum, das ungleiche Bonner Paar Schiller/Strauß, das sich in der Pubertätszeit der Großen Koalition leidlich zusammengerauft hat, sind getrennt von Tisch und Stuhl.

Die Plattform der neuen Partner

Das politische Programm der neuen Bonner Koalition ist weder dem Umfang nach noch in den Zielvorstellungen eine Sensation, aber es gibt eine vernünftige Arbeitsgrundlage ab.

Scherbengericht über die alte Garde?

Der Sturz aus den Höhen der Staatsmacht in die Ungewißheit der parlamentarischen Opposition hat den Unionsparteien einen tiefen Schock versetzt.

NPD vor dem Ruin

Adolf von Thadden, der Bonn im Sturm nehmen wollte, kam nur bis Kassel. Er scheiterte nicht am 28. September, als ihm knapp 0,7 Prozent zum Sprung über die Bundestagshürde fehlten; er erlebte sein Cannae bereits 13 Tage zuvor, als einer seiner Leibwächter nach einer verbotenen Wahlkundgebung eine Mauser-Pistole zog und schoß.

Strittige Stimmen

Eines der letzten Zeichen dafür, daß auch in Ost-Berlin der Viermächtestatus für die ganze Stadt respektiert wird, war die Sonderstellung der Ost-Berliner Vertreter in der Volkskammer der DDR.

Tastende Diplomatie

Noch regt sich ungemein wenig an den Fronten der wirklich großen weltpolitischen Gegnerschaften – weder in Vietnam noch im Nahen Osten, weder zwischen Chinesen und Russen noch zwischen Amerikanern und Chinesen.

Jubel, Trubel, Parteilichkeit

Länger als die Weimarer Republik, länger, als das "Dritte Reich" existiert die DDR. Es war ein unbeschreiblicher Trubel, mit dem in dieser Woche drüben, in der DDR, das zwanzigste Jubiläum der Staatsgründung begangen wurde.

Schwarze Ballade um grüne Barette

Oberst Robert B. Rheault, Berufsoffizier seit 28 Jahren, Absolvent der Militärakademie von West Point und der Generalstabsschule des amerikanischen Heeres, schlank, rank, blond und kühn, baut sich vor den Fernsehkameras auf.

Aufwind für Labour

Die britische Unterhauswahl, wann immer sie stattfindet in den nächsten achtzehn Monaten, wird durch Lohntüten, Butterpreise und Steuersätze entschieden.

Rogers hofft

Der amerikanische Außenminister Rogers hegt keinen Zweifel mehr daran, daß die Sowjets an einem gesicherten Frieden im Nahen Osten interessiert sind.

Genf: Gemeinsam

Nach mehrmonatigen Verhandlungen haben die Sowjetunion und die USA der Genfer Abrüstungskonferenz einen gemeinsamen Vertragsentwurf vorgelegt, der den Spielraum des Wettrüstens weiter einschränkt.

Wilsons Ziele

Stärkung der industriellen Entwicklung Englands – Förderung des Exports – Ausrichtung auf einen britischen Beitritt in die EWG – dies sind die drei Schwerpunkte, auf die Premierminister Wilson die Arbeit seiner Regierung im Wahljahr konzentrieren will.

Mit Reden und Rekorden

Mit Feiern und Fackeln, mit Reden und Rekorden beging die DDR den zwanzigsten Jahrestag ihrer Gründung. Höhepunkte der Festlichkeiten waren eine mehr als fünfstündige Veranstaltung in der Ostberliner Seelenbinder-Halle in Anwesenheit fast der gesamten Ostblock-Prominenz und eine Parade der Volksarmee, bei der zwei Millionen Zuschauer (laut Ostfernsehen) neue Mittelstreckenraketen bewundern konnten.

Druck auf Nixon wächst

Der Druck der amerikanischen Öffentlichkeit auf Präsident Nixon, eine Lösung des Vietnam-Konflikts herbeizuführen, wächst. Während laut der letzten Gallup-Umfrage noch 52 Prozent der Amerikaner auf einen Erfolg der Vietnam-Politik des Präsidenten hoffen, hat die Zahl der Kriegsgegner eine neue Rekordhöhe erreicht: 58 Prozent der befragten.

Dokumente der ZEIT

Kein Zweifel besteht nach meiner Meinung: Die beiden Staaten könnten manches voneinander lernen. Nicht im Sinne einer faulen Ergänzung oder eines noch fauleren Kompromisses, sondern es gibt zweifellos von einer etwas späteren Zeit her gesehen, sowohl Positives wie Negatives, bei beiden.

Neue Annäherung

Peking und Moskau haben die Aufnahme von Verhandlungen über die Beilegung des Grenzkonflikts zwischen ihren beiden Ländern vereinbart.

Was kommt in Frankfurt?

Es kommt: eine Buchmesse, vor der viele Angst haben, denn die Konfrontation zwischen dem „Establishment“ (vertreten etwa durch die Gremien des Börsenvereins) und der „Revolution“ (vertreten etwa durch den Ausschuß der Literaturproduzenten) scheint unausweichlich.

Das Recht, kein Held zu sein

Erinnern Sie sich an unsere Begegnung in München am 1. September vorigen Jahres? Ich habe dieses Datum festgestellt auf Grund eines Vermerks in Ihrem Buch, das Sie mir widmeten und das zum ersten Band meiner neu gegründeten Bibliothek wurde.

Ein Brief Oswald Wieners an einen Lektor:: In Sachen Rowohlt

a) ich begrüße es, Haß angesichts der äußerst beschränkten informationsmöglichkeiten in der ddr zusätzlich Information für den einzelnen geschaffen wird – sei es auch durch westdeutsche amtliche stellen, und sei es mit hilfe so unbedeutender Publikationen wie es die von ihnen und ihren freunden inkriminierten sind, ich vertrete die auffassung, daß mein begriff von persönlicher freiheit in der gesellschaft Westdeutschlands – wie immer unvollkommen und trotz unzähliger provokanter einschränkungen – besser repräsentiert ist als durch regierung und staatsdoktrin der ddr.

HAP Grieshaber:: Meine Vaterhäuser

Das alles fragt man sich, weil Autorität postuliert worden ist. Wer hat sich da nicht herausgefordert gefühlt, bereit, das Pro zu verweigern, um sich im Contra selbst zu fühlen.

Kunstkalender

Die beiden neuesten Graphik-Serien von Lichtenstein, Farblithographien nach der „Kathedrale von Rouen“ und dem „Heuschober“ von Monet, haben in Bochum europäische Premiere.

Ein Bett ist ein Bett ist...

Prospect 69. Vorschau auf die Kunst der Avantgarde, auf das, so meinen die Veranstalter, was in der nächsten Saison auf uns zukommt.

Theater: Ein Skandal?

Mitten in einer Szene, als es wieder stiller geworden war, erhob sich in der dritten Reihe eine Dame und fragte, zu einem Verantwortlichen gewandt, wann es denn in Zürich wieder „ansprechendes Theater“ geben werde.

FILMTIPS

Repertoire. Häufiger (wenn auch nicht oft genug) sind in den Kinos zur Zeit wieder zu sehen: „Das Messer im Wasser“ (1961), von Roman Polanski.

Abschied von Johannes Jacobi

Eine der tristesten Begleiterscheinungen des Älterwerdens ist es, daß immer mehr Weggenossen auf der Strecke bleiben. Wir erleben es bei dieser Zeitung nun zum viertenmal: Erst Paul Bourdin, dann Ernst Lewalter, dann Paul Hühnerfeld, danach lange Jahre keiner, und jetzt Johannes Jacobi.

Bildungsbericht: Hinkend, aber lehrreich

In der vergangenen Woche wurde von der Bundesregierung zum erstenmal nach zwanzig Jahren der Trennung eine "vergleichende Darstellung des Bildungswesens im geteilten Deutschland" veröffentlicht, die dem Interesse der Öffentlichkeit bisher jedoch entging.

Im Kino hat man mehr vom Film

Wer sich heute öffentlich mit der Filmwirtschaft anlegt, tut gut daran, sich vorher einen guten Rechtsberater zu engagieren.

ZEITMOSAIK

Eine treue Freundschaft, eine gute Ehe und eine vollendete Regierungsform verlangen so viele und so verschiedenartig gute Vorbedingungen und so viel Feingefühl beim Zusammenfügen, daß die Menschen seit vielen tausend Jahren an der Verwirklichung ihrer Wunschbilder verzweifeln.

Besser als ihr Ruhm

Das muß man wohl sagen: Es hat sie ja kein Zufall an den Pop-Himmel geworfen, als eines dieser hastig flackernden Sternchen, die dem Produzenten am Ende nur noch als rasch veraltete Taler ohne Sammlerwert in den Schoß zurückfallen.

DIE NEUE SCHALLPLATTE

Hans Werner Henze: „Das Floß der Medusa“; Edda Moser, Dietrich Fischer-Dieskau, Charles Regnier, RIAS-Kammerchor, Hamburger Knabenchor St.

Fernsehen: Gesichter nach der Wahl

Die Kameramänner, fürchte ich, sind keine Freunde des amtierenden Kanzlers: Wenn er zu reden beginnt, rückt man ihm nah auf den Leib, und dann hoch mit den Linsen, nimm den Hunderter, Erwin, und heran mit dem großgroßgroßen Gesicht, keine Totale bitte, keine Mitteldistanz, der Staatsmann spricht zu seinem Volk, sondern Nahaufnahme, eine Einstellung, die entlarvt und verfremdet, aus Mündern Mäulchen und aus Wangen Bäckchen macht.

Die Batsheva Dance Company

Daß Terpsichore seit vielen Jahren in der amerikanischen Emigration lebt, ist für uns Europäer eine zwar ernüchternde, aber unumstrittene Gegebenheit.

Warum nicht Whistler?

Ausgerechnet Whistler? Warum schließlich nicht: das von der Kunst unserer Tage in die Enge getriebene Publikum hat sich ohnehin seit geraumer Zeit seine ästhetischen Ersatzparadiese geschaffen, hat sich mit wohlfeiler Intensität am ach so dekorativen Jugendstil-Leichnam gütlich getan und fühlt sich wunderbar legitimiert in diesem Tun, seitdem auch die Jugend dem schonen Schnörkel verfallen ist, die jungen Herren sich die Schlingpflanzen auf der batistenen Hemdbrust und die Haare auf dem Kopf sprießen lassen, Swinburnes Löckchen waren schließlich auch nur dünn und fettig.

Berliner Festwochen: Beckett inszeniert Beckett

Das war der kürzeste und doch wichtigste Theaterabend der letzten Zeit. Da Ionescos "Neuer Mieter" ausfiel – zum Glück für Stück und Aufführung, die (das darf man schlicht unterstellen) an dem Vergleich mit der Beckett-Inszenierung von Becketts "Letztem Band" einfach zerbrochen wären –, dauerte alles knapp fünfundvierzig Minuten.

Das Märchen vom Markt

Eine Traumsituation wird Karl Schiller vorfinden, wenn er am 22. Oktober wieder zum Wirtschaftsminister berufen werden wird – diesmal unter einem Kanzler Brandt.

Goldene Brücken für die Spekulanten

Im Koordinatenkreuz des Weltwährungsgefüges hat die Mark einen vorläufigen Platz gefunden. Seit Dienstag vergangener Woche hat sie „mit sanftem Druck der Bundesbank“ Stufe für Stufe erklommen und mit 3,75 Mark je Dollar eine Aufwertung um sechs Prozent erfahren.

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