Die abendliche Nachrichtensendung des französischen Fernsehens hat einen sehr hübschen "Vorspann": Wir sehen die Erdkugel vom Monde aus, fahren auf sie zu, und aus Nebeln und unter Sphärenklängen löst sich Menschengewimmel. Sind die Nachrichten zu Ende, geht’s umgekehrt. Menschengewimmel, Nebelschwaden, aus denen sich die Erde löst, eine Kugel, die kleiner, und kleiner wird, harmlos anzusehen. Aber wir wissen Bescheid. Erleichtert kehren wir zum Mond zurück.

Diese Reise machen wir jeden Abend. 8 Uhr hin, 8 Uhr 30 zurück. Dreißig Minuten Erde, das genügt. Im übrigen leben wir auf dem Monde.

Nun ist in Paris die erste Nummer einer Zeitschrift erschienen, welche auf dem Titelblatt die uns vertraute Ansicht zeigt: Unten ein. bißchen Mond (die Basis, auf der wir stehen), im Mittelpunkt der Seite, von Schwarz umgeben, die bunte Erde. Unterschrift: "Am

Anfang schuf Gott den Himmel und die Erde." Name der Zeitschrift: "In dieser Zeit". Ihr Thema: die Bibel. Und nicht nur, daß Kommentare und Berichte über biblische Themen hier veröffentlicht werden: Es soll in Fortsetzungen auch das "Buch der Bücher" selbst gedruckt werden, und zwar in einer neuen Übersetzung, die der Journalist André Frossard besorgt. Höhe der Auflage: 400 000 Exemplare. Die Kirche gab ihr "Imprimatur".

Wenn wir uns. etwas Zeit lassen und einen Monat warten, können wir eine ebenfalls funkelnagelneue Zeitschrift betrachten. Auf dem Titelblatt ein Apollo-Raunschiff, das durchs Schwarze saust; im Vordergrund ein bißchen Erde (die Basis, auf der wir stehen). Die Zeitschrift heißt "Journal des Lebens" und hat den Untertitel: "Heute die Bibel".

Auch, das "Journal des Lebens" bringt in Fortsetzungen eine Bibelübersetzung, um einem dringenden Bedürfnis abzuhelfen. Doch diesmal stammt die Übertragung von einem pensionierten Diplomaten, Monsieur Pierre de Beaumont, der sich in den Kopf gesetzt hat, ein "Fundamental-Französisch" anzuwenden; das heißt: Er hat 900 Worte gefunden, die im Alltag am häufigsten angewendet werden. Damit macht er es. Und die Kirche gab ihr "Imprimatur".

Ich denke daran, daß in gotischen Kirchen die herrlichsten Skulpturen stehen. Wo aber knien die meisten Leute, brennen die meisten Kerzen? Vor einer süßlich-glatten. Statue aus Gips. Ich nahm das "Buch der Preisungen" zur Hand, die Psalmenübersetzung von Martin Buber. Und aus dem Nachwort wurde mir seine unendliche Mühe klar, entscheidende Begriffe durch ungewohnte, bei Gott nicht alltägliche Worte, wiederzugeben. Ein Beispiel: Das hebräische "Ruach" kann "Geist", aber auch "Wind" bedeuten. Buber entschied sich, je nach dem Zusammenhang, für ."Geistbraus" oder für "Windbraus". Sein Vorhaben war groß und schwer: die Psalmen, die Bibel! Er sah sich gezwungen, eher die deutsche Sprache zu bereichern, wie es die Dichter tun, anstatt aus dem Reichtum die 900 meistgebrauchten Worte herauszufischen, wie es in Frankreich und mit seiner Sprache der Diplomat, tut. Es werden wohl die banalsten Worte sein. Hauptsache, daß wir uns verstehen, wir armen Mondbewohner.

Nun ist freilich nicht geklärt, warum wir im Zeitalter der Raumschiffe die Bibel mehr als zu anderen Zeiten brauchen. Gleich zwei aktuell aufgemachte Massenzeitschriften, deren Inhalt nichts anderes als das sein soll, was im ältesten und bekanntesten Buch aller Bücher steht. Irgend etwas muß diese Rückkehr zur Bibel ja bedeuten, so "modern", ach, so banal sie sich vollzieht. Aber was?