Von Helmut M. Braem

Nachrichten sterben jung. Sind sie auch nach Jahr und Tag noch Nachrichten, enthalten sie mehr als Informationen. Das ist das Besondere an ihnen; auch an Ernest Hemingways Dispatches": geschrieben, in Eile manchmal, von einem Sachkundigen, der für die Öffentlichkeit über Aktuelles berichtet. Daß es auch eine Aktualität gibt, die nicht altert, beweist mehr als einmal die Sammlung –

Ernest Hemingway: "49 Depeschen" – Ausgewählte Zeitungsberichte und Reportagen aus den Jahren 1920–1956, herausgegeben und aus dem Amerikanischen von Ernst Schnabel und Elisabeth Plessen; Rowohlt Verlag, Reinbek; 390 S., 25,– DM.

Die amerikanische Ausgabe, ediert von William White (Professor für Zeitungswissenschaft an der Wayne-Staats-Universität), ist 1967 erschienen und enthält 77 Beiträge; 28 mehr als die deutsche. Da es schon einen Hemingway-Band mit "49 Stories" gibt, paßt sich das Buch mit den "49 Depeschen" gut an. Aber sicherlich hat die Beschränkung auf exakt 49 Arbeiten noch andere Gründe. Korrekt wird im Anhang der Quellennachweis geführt: wo und wann erschienen, einschließlich der Originaltitel, soweit sie von den in der amerikanischen Buchausgabe verwendeten Titeln abweichen. Solche Angaben sollten selbstverständlich sein. Bei uns sind sie es keineswegs.

"By-Line: Ernest Hemingway", wie auf dem amerikanischen Umschlag steht, hat einen doppelten Sinn. Einerseits erklärt es nichts anderes als: der Bericht ist geschrieben von ... Andererseits meint das Wort: Nebenbeschäftigung. Obgleich dieser Begriff für Hemingways journalistische Tätigkeit nur bedingt zutrifft, da er auch noch nach seinem ersten großen Bucherfolg ("Fiesta") vom Schreiben für Zeitungen und Zeitschriften leben mußte, läßt sich doch nicht bestreiten, daß ihm die Arbeit an den Storys und Romanen wichtiger war. In seinem "Lagebericht" vom 4. September 1956 zitiert er Cyril Connolly: "Jeder Ausflug in den Journalismus oder in die Arbeit für den Rundfunk, die Werbung oder den Film ist, wie hervorragend seine Ergebnisse auch sein mögen, zur Enttäuschung verurteilt, und die zweite Torheit wäre, wenn wir unser Bestes in diese Form steckten, denn wir würden damit nur unsere guten – wie die schlechten – Einfälle zur Vergeblichkeit verurteilen. Es ist die Natur solcher Arbeit, daß sie nicht dauert, und sie sollte nie unternommen werden."

Für einen, der nichts als erzählen, der fiction will, mag das gelten. Aber da es Hemingways Sache war, auch erzählend Nachrichten zu geben, exakte Auskünfte über das Verhalten der Menschen im Krieg, auf der Flucht, beim Hochwildjagen und beim Töten von Stieren, ist bei ihm das Literarische vom Journalismus nicht immer leicht zu trennen. Außerdem: Hemingway widerspräche seinem Leben, sich selber, wenn er nicht stets das "Beste" von sich verlangt hätte. Schließlich gehörte es zu seiner Moral, sich ständig zu überfordern, in der denkbar schwierigsten Situation zu bestehen und für jede Handlung, für jedes zu Papier gebrachte Wort bedingungslos verantwortlich zu sein. Auch "gut schreiben" war für ihn eine sittliche Leistung, ein Sieg über sich selbst.

In den letzten fünf Monaten vor seinem neunzehnten Geburtstag schrieb er seine ersten Artikel aus Paris als Korrespondent zweier amerikanischer Zeitungen. Zuvor hatte er sich zu Hause journalistische Sporen mit Lokalspitzen verdient. Zu jener Zeit eiferte er noch fleißig Stephen Crane nach, dessen unheilvolle Stimmungen er beim Zeichnen eines Friseursalons übernahm, wo ausschließlich Lehrlinge bedienten und sich im Führen des Rasiermessers übten. Auch der Stil Mark Twains ist anfangs klar zu erkennen. In seinem Bericht über "Hotels in der Schweiz" ist die Imitation fast eindeutig: "Die Schweiz ist ein kleines, steiles Land – viel mehr auf und ab als seitwärts –, und sie ist ganz mit großen, braunen Hotels besetzt, die in einer Art Kuckucksuhr-Architektur gehalten sind. An jeder Stelle des Landes, wo es weit genug seitwärts geht, ist ein Hotel hingepflanzt, und alle Hotels sehen aus, als wären sie vom selben Mann mit derselben Laubsäge gemacht."