Von Joachim Nawrocki

Berlin, im Oktober

Länger als die Weimarer Republik, länger, als das "Dritte Reich" existiert die DDR. Es war ein unbeschreiblicher Trubel, mit dem in dieser Woche drüben, in der DDR, das zwanzigste Jubiläum der Staatsgründung begangen wurde. Aus den Hauptstädten des Ostblocks reisten die Spitzen von Partei und Regierung an. Aus der ganzen DDR kamen Zehntausende von Jugendlichen zu einem "Treffen junger Sozialisten" nach Ost-Berlin. In vielen großen Betrieben wurden neue, automatisierte Fertigungskapazitäten in Betrieb genommen – rechtzeitig zum Jahrestag; große Bauwerke wurden eingeweiht; ein zweites Fernsehprogramm hatte Premiere in Farbe. Allenthalben: Straßentheater, Kapellen, Festbälle, Leistungswettbewerbe, Kampfdemonstrationen, Festakte, Appelle und Gelöbnisse.

Über kleine und große Funktionäre ergoß sich ein bunter Ordenssegen vom "Stern der Völkerfreundschaft" bis zum "Banner der Arbeit". Auch Walter Ulbricht hatte an diesem Segen teil. Ministerpräsident Stoph äußerte bei der Überreichung des Karl-Marx-Ordens an den Staatschef den besonderen Wunsch, "daß Sie auch im dritten Jahrzehnt unseres sozialistischen Staates bei bester Gesundheit und mit der Ihnen eigenen unermüdlichen Schaffenskraft an der Spitze unserer Partei- und Staatsführung zum Wohle unseres Volkes wirken mögen". Mit anderen Worten: Die zeitweilig kursierenden Gerüchte, Ulbricht werde sich nach dem zwanzigsten Jahrestag aufs Altenteil zurückziehen, sind gegenstandslos.

Den oberen Funktionären selbst mag dieser Aufwand wohl ein wenig peinlich gewesen sein. Das Protzentum, das sonst den Westdeutschen vorgeworfen wird, fand sich plötzlich auf ihrer Seite. Die DDR, so hieß es, sei "richtig programmiert", sie werde "zu den Siegern der Geschichte gehören". Auf Hinweise, daß die Bundesrepublik ihr zwanzigjähriges Bestehen nicht gefeiert hat, argumentierte die SED-Presse: Wir haben den ersten sozialistischen Friedensstaat auf deutschem Boden geschaffen; sein zwanzigjähriges Bestehen muß gefeiert werden. In Westdeutschland hingegen herrschen die alten Kräfte; die Arbeiter und Bauern sind nach wie vor abhängig und haben keinen Grund zum Feiern, und die Führungsclique wird sich hüten, durch Feierlichkeiten auf die unveränderten Machtverhältnisse aufmerksam zu machen.

"Was wir sind, sind wir durch die Partei", lautet eins der vielen Spruchbänder, die in diesen Tagen durch die Straßen getragen werden. Das Eigenlob feiert Triumphe. Ein Rundfunkreporter hält einem fünfjährigen Steppke Papierfähnchen vor die Nase, und der Kleine weiß es richtig: "Das ist eine Republikfahne, das ist eine FDJ-Fahne, das ist eine Arbeiterfahne." Und der Reporter fügt hinzu: "Unter dieser Fahne läßt sich’s gut leben." Unter Fahnen leben derzeit alle Bürger der DDR. Die Hauptstraßen in allen Städten sind geschmückt mit Fähnchen, Wimpeln, DDR-Symbolen, Plakaten, Lichterketten und der immer wiederkehrenden römischen Zwanzig.

Die Karl-Marx-Allee in Ost-Berlin gleicht einem Heerlager. Überall hocken, stehen und laufen die Jungen und Mädchen, die man herangeholt hat, es gibt Imbißstände und in den Seitenstraßen Feldküchen. Am Alexanderplatz, wo viele neue Gebäude tatsächlich fast termingerecht fertig geworden sind – nur die Rückseite des Hotels "Stadt Berlin" ist noch nicht ganz komplett –, steht ein riesiges Musikpodium, auf dem abwechselnd Chöre und Kapellen von Armee, Polizei, FDJ und junge Pioniere zum höheren Ruhm der DDR musizieren.