"Oradour" von Jens Kruuse. "Heute sollt ihr Blut sehen!" rief der SS-Obersturmführer seinen Männern zu. Er hielt Wort. Am 10. Juni 1944 um 13 Uhr fuhren Sturmbannführer Diekmann und Obersturmführer Kahn mit hundertdreißig SS-Leuten der Panzerdivision "Das Reich" in dem friedlichen Dorf Oradour-sur-Glane ein Um 22 Uhr waren 642 Männer, Frauen und Kinder erschossen und erschlagen oder in der Kirche verbrannt; das Dorf lag in Trümmern Das Ganze war eine blinde Vergeltungsaktion für die Schwierigkeiten, die die Résistance der deutschen Besatzungsarmee machte, deren Moral durch solche blutigen Maßnahmen wieder gehoben werden sollte; solche "rücksichtslose Härte" hatte ein OKW-Befehl vom 8. Juni 1944 empfohlen. Wie üblich, waren es später "die Statisten und nicht die Schurken des Dramas, die man in die Hand bekommen hatte": Die meisten der Mord-Soldaten waren zur SS gepreßte Elsässer. Jens Kruuse rekonstruiert sachlich und in völlig unprätentiöser, doch bewegender Sprache das Verbrechen von Oradour und den Prozeß gegen die SS-Leute (1953). Das Buch des Dänen ist nicht antideutsch; die Mörder waren zwar "immerhin in deutschen Uniformen", doch: "Etwas anderes ist für mich entscheidend, daß Krieg wahnsinnig macht." (edition suhrkamp 327, Suhrkamp Verlag, Frankfurt; 3,–DM) Jörg Drews

"Schriften aus der Revolutionszeit" von D. A. F. Marquis de Sade, herausgegeben von Georg Rudolf Lind. Außer einer schönrednerischen Eloge auf die toten Revolutionäre Marat und Le Pelletier, mit der der Marquis dem Zeitgeist von 1792 seine Reverenz erwies, enthält der Band zwei Schriften, die Sades Vorstellungen von einer freieren Gesellschaftsordnung illustrieren: In der "weißen Utopie" der Insel Tamoé aus dem (größtenteils vor der Revolution entstandener.) Roman "Aline und Valcour" entwirft er das (wenig überzeugende) Idealbild eines Staatswesens, in dem der weise Musterkönig mittels einer egalitären Verfassung, durch die Einführung der Ehescheidung und mit viel pädagogischem Geschick die Motive für die meisten Verbrechen aus der Welt geschafft hat und somit zur sanften Lenkung seines "arbeitsamen, nüchternen, gesunden" Volkes kaum noch irgendwelcher Zwangsmaßnahmen bedarf. Und im Pamphlet "Franzosen, noch eine Anstrengung, wenn ihr Republikaner bleiben wollt" (aus der "wollüstigen Menschen jeglichen Alters und jeden Geschlechts" dedizierten "Philosophie dans le boudoir") propagiert er das radikale Konzept einer essentiell unmoralischen Republik, die jedem völlige Triebbefriedigung verspricht, auch wenn diese auf Kosten anderer geht. Dennoch soll dieser Faustrechtstaat, legitimiert aus der "Natur" des Menschen (die als identisch angesehen wird mit der der "übrigen Tiere"), die "Ruhe des Bürgers" garantieren – ein Widerspruch unter vielen, (Sammlung insel 48, Insel Verlag, Frankfurt; 215 S., 7,– DM)

Rainer Zimmer