Von Tilman Neudecker

Wird es einmal gelingen, unsere Psyche in der Formelsprache des Chemikers zu erklären, den Geist als eine Art Panoptikum von Molekülen zu begreifen? Hybris oder in die Zukunft extrapolierte Realität – die ersten, bescheidenen Anfänge sind gemacht.

In Mailand trafen sich Anfang September rund 650 Hirnforscher aus 32 Ländern zum "Zweiten Internationalen Kongreß der Internationalen Gesellschaft für Neurochemie". Fünf Tage lang diskutierten Wissenschaftler aus allen Teilen der Welt über die Biochemie des Gehirns.

Wir wissen noch immer wenig über das Wesen jenes Organs, dem wir unsere einzigartige Stellung unter den Lebewesen verdanken. Erst in jüngster Zeit ist es der Neurochemie gelungen, an einigen wenigen Stellen den dichten Schleier des Geheimnisses ein wenig zu lüften.

Der Schlaf, das "dunkle Drittel unseres Lebens", liegt auch wissenschaftlich noch weitgehend im Dunkeln. Erst vor relativ kurzer Zeit hat man damit begonnen, jenen sonderbaren Zustand, scheinbar an der Grenze zwischen Leben und Tod, mit exakten naturwissenschaftlichen Methoden zu erforschen. Schon die ersten Befunde waren überraschend. Schlaf, so fand man, ist durchaus kein "vorübergehender Tod", wie man lange Zeit glaubte – im Gegenteil. Die systematische Erforschung des Schlafs öffnete das Tor zu einer fremdartigen Welt, von der wir vorher, obgleich jeder sie allnächtlich durchwanderte, so gut wie nichts ahnten.

Was sich in den Stunden der Nacht im menschlichen Gehirn abspielt, haben die Schlafforscher zunächst in Schlaflaboratorien untersucht. Elektroden am Schädel, über den Augen und an den Schläfen eines Versuchsschläfers registrieren mit minuziöser Genauigkeit die durch die Tätigkeit der Hirnrinde entstehenden feinen elektrischen Ströme und leiten diese in eine spezielle Aufzeichnungsmaschine, das sogenannte Elektroenzephalogramm (EEG), wo sie, zusammen mit anderen Meßdaten wie zum Beispiel Körpertemperatur, Blutdruck und Augenbewegungen, vergrößert und in Form charakteristischer Wellenlinien auf einen durchlaufenden Papierstreifen gezeichnet werden. Ergebnis einer typischen Versuchsnacht: über einhundert Meter bizarrer Wellenlinien – Symbole einer rastlosen Aktivität, des "schlafenden" Gehirns.

Das EEG enthüllt noch mehr: Schlaf, so beweist das im Laufe der Nacht periodisch sich wandelnde Wellenmuster, ist kein einheitliches Phänomen, Schlaf ist vielmehr eine komplizierte Folge von insgesamt vier verschiedenen Aktivitätsphasen des zentralen Nervensystems, die sich wie Ebbe und Flut mehrfach zyklisch wiederholen.