MARTIN GREGOR-DELLIN: wir beide, Herr Bieler, lebten 1958 noch in der DDR, heute leben wir in München – mit dem Unterschied, daß Sie mittlerweile tschechoslowakischer Staatsbürger geworden sind. Wollen Sie es bleiben?

MANFRED BIELER: Das hängt nicht allein von mir ab. Wenn mir der tschechoslowakische Staat, vertreten durch seine augenblickliche Regierung, die Bürgerschaft nicht aus politischen Gründen entzieht, sehe ich keinen unmittelbaren Anlaß, auf sie zu verzichten, auch wenn ich in der Bundesrepublik bleibe. Allerdings habe ich im Jahre 1967, als ich aus der Staatsbürgerschaft der DDR entlassen wurde und die tschechoslowakische erhielt, dem Bürgermeister von Prag-Nusle versprechen müssen, "auf dem Boden der ČSSR das menschliche Paradies zu verwirklichen" und der Regierung der ČSSR treu zu bleiben. Was nun die Treue betrifft, so ist mein Gewissen nicht ganz rein, denn ich bin Anfang vorigen Jahres gemeinsam mit fünfzehn Millionen tschechoslowakischen Staatsbürgern der Regierung Novotny untreu geworden, worauf uns im folgenden August die neue Regierung Svoboda betrog, noch dazu mit Ausländern, die die tschechoslowakische Staatsbürgerschaft nicht besaßen.

Was die Verwirklichung des menschlichen Paradieses in der ČSSR angeht, so hatte ich von Anfang an Bedenken, zumal die Behörden eine solche Verpflichtung nur von Zugereisten verlangen, die in der Tschechoslowakei ansässig werden wollen, nicht aber von den dort Geborenen. Meine eigenen Bemühungen, das Paradies wenigstens in Prag oder um Prag herum zu verwirklichen, sind in den Ansätzen steckengeblieben. Ich kann es auch anders sagen: Nachdem wir alle – Tschechen, Slowaken und Deutsche – im Frühjahr vom Baum der Erkenntnis gegessen hatten, wurden wir von den Erzengeln im Sommer vertrieben. Trotzdem geben wir die Hoffnung nicht auf, in jenes Land zurückzukehren, in dem Löwe und Schaf, Kommunist und Katholik nebeneinander lebten, in dem wir lustwandelten ohne die Feigenblätter, die uns falsche Scham und schlechtes Gewissen vor die schönen Werkzeuge zur Erhaltung unserer Art gebunden hatten. Am Tor dieses Paradieses wird dann auch, ich bin sicher, der Staatsbürgerschaftszwang abgeschafft werden. Die Garderobe wird an der Garderobe abgegeben.

Man emigriert immer unfreiwillig, aber Sie sind buchstäblich herausgedreht worden. Hatte das beide Male die gleichen Gründe?

BIELER: Als ich das Phänomen Deutsche Demokratische Republik verließ, wechselte ich in das Gebilde ČSSR über, und heute lebe ich in der Erscheinung Bundesrepublik. Alle diese Ortswechsel aus dem. Nebulosen ins Ephemere und Undurchsichtige waren, da haben Sie recht, nicht ganz freiwillig. Die ostdeutschen Waffenhändler – "Kunst ist Waffe" – verboten meine literarischen Scharmützel, nahmen mir Pfeil und Bogen vom Rücken, Schleuder und Stein aus der Hand und richteten ihre Dicke Berta auf mich, weil sie fürchteten, daß ich, in zufälliger Gemeinschaft mit einigen geistesverwandten Schriftstellern, das Kolossalgebäude ihres Musentemoels hätte zum Einsturz bringen können. Obwohl es nicht immer ganz leicht ist, ohne die Havelseen und die Mark Brandenburg zu leben, erleichterten mir die Portepeeträger der Kultur damit meinen Abschied, der sich im übrigen in allen äußeren Formen der Legalität bewegte. Die Gebühr für die Entlassungsurkunde betrug 99 Kronen. Auch die Abreise aus Prag erfolgte auf Grund einer Ausreisegenehmigung, wenngleich der betreffende Polizeistempel diesmal unter heftigem Maschinenpistolenfeuer in meinen Paß gedrückt wurde.

München ist Ihr "dritter Ort". Warum gerade München? Warum nicht Berlin, Hamburg oder Wien?

BIELER: Ich bin nicht nach Berlin, nach Westberlin, gegangen, weil ich mich nicht an den Gedanken gewöhnen kann, daß diese Stadt am Lehrter Bahnhof aufhört, sowenig wie ich mich früher damit abfinden konnte, daß Berlin, Ostberlin, am Bahnhof Friedrichstraße sein Ende hat. Ich glaube, in Berlin würde ich meschugge werden. Hamburg ist mir zu neu, weil zu oft abgebrannt, und was Wien betrifft, so wollte ich in den Faden meiner Biographie nicht auch noch dieses Ende spleißen. Wien ist schön, aber eben wohl besonders für Junggesellen, Rentner und Wiener. Also bin ich in München, weil München eine Großstadt ist und weil es hier einige erstaunliche Reste städtebaulicher Vollkommenheit gibt, weil ich die Bayern, soweit es sie überhaupt gibt, sehr gern habe und weil man hier zu mir, meiner Frau und meiner Tochter freundlich ist.