Ich frage mich ganz ernst: Gibt es noch ein Vaterhaus als Ort gemeinsamer Überlieferung? Wird im Museum, was zeitlos ist, noch verehrt? Sind wir hier noch zu Haus oder hat dieses Haus kein Ansehen mehr?

Das alles fragt man sich, weil Autorität postuliert worden ist. Wer hat sich da nicht herausgefordert gefühlt, bereit, das Pro zu verweigern, um sich im Contra selbst zu fühlen. Streiten wir nicht um Worte, läßt André Gide den Vater zum verlorenen Sohn sagen. "Ich hatte ein Haus, das dich einschloß. Es war aufgerichtet um deinetwillen. Damit deine Seele darin eine Unterkunft hätte, eine ihrer würdige Verwöhnung, einen Beistand, einen Dienst: haben ganze Geschlechter gearbeitet. Du, der Erbe, der Sohn, bist aus dem Hause entwichen, warum?" "Weil das Haus mich einschloß."

Eingeschlossen zu sein, weggeschlossen vom Leben, vom Abenteuer, das ist die Angst der Söhne. Der Künstler vor allem. Mack sagt: "Die besondere Dynamik und Zeitqualität der gegenwärtigen Kunst wird durch die Statik der Institution des Museums paralysiert." Er reagierte besonders heftig. Die ältere Generation verließ einst leiser das Vaterhaus. Ein Künstler muß verlorengehen dürfen, um neu zurückzufinden! Jeder im Museum weiß das. Das ist die Kraft der Museen. Es stimmt einfach nicht, daß die Hierarchie einer Gesellschaft uns einen Rabenvater ins Museum bestellt hat.

Ich fühle mich nicht frustriert, den Begriff des modernen Künstlers hat das Museum mitgeprägt, die Kunst unseres Jahrhunderts ist im Museum beschlagnahmt worden! Die Söhne haben das nicht vergessen. Es war die Kunst unserer Zeit, welche die Faschisten im Museum gestohlen haben. Die einzige Kunst, der ich meine künstlerische Freiheit verdanke. Die Ankäufe der Museen sind keine manipulierte Übereinkunft um ihrer selbst willen gewesen. Ein Selbstverständnis, das nur zur bürgerlichen Gesellschaft des vergangenen Jahrhunderts paßt. Und diese Kunst zu erwerben, brauchte es einmal Mut, Wissen und Größe, die Persönlichkeit großer Individuen. Heute ist es leicht, im Zug der Zeit mitzufahren, um das Neueste zu präsentieren. Wer will, kann sich mit Sprechblasen empfangen lassen, darf mitwählen, in unbefangener Realitätseinsicht mitentscheiden, darf mitbestimmen, was als Kunst gerade empfunden werden kann.

Ein wenig haben wir alle aus der Vergangenheit gelernt. Welcher Museumsmann möchte nicht einmal die geistes-, kultur- und sozialpolitischen Probleme, die uns auf den Nägeln brennen, durch eine Razzia in seinem Depot in der Kunst nachweisen. Reicht die Qualität in manchem Depot auch oft nicht so weit, wie sie reichen würde, wenn das Depot größer wäre, wenn der Direktor noch den großen Stil der Fürsten haben dürfte, Überraschungen sind, auch wo man auf ein tägliches Plebiszit angewiesen ist, immerhin noch möglich. Feinheiten, die uns sagen, der Vater ist wieder einmal mobil geworden. Er hat sich selbst in Frage gestellt. Wertstereotypen durchbrochen. Inmitten von Bildern und Skulpturen, die von Heiligen gemacht sein könnten, kommen keine autoritären Stimmungen auf. Man gibt sich leger, arbeitet im Team, das als Alternative zu den Triebrepressionen gar keinen Vater mehr vorzeigt. In Diensträumen getarnt, dem Publikum abgewandt, wird immer wieder abgewogen, was die Welt will, um es mit dem eigenen Maß zu konfrontieren. In affektbesetzte Bereiche werden Kronen hineingehalten. Immer wird dem Heimkehrer ein Kalb geschlachtet. Das beste Kleid wird ihm in immer neuer Umgebung präsentiert. Er kann – es ist doch ein Vaterhaus – lebendiges Museum haben und selbst wieder lebendig werden. Der vorläufige Zustand, auf Regression gestimmt, findet keine Beschränkung. Dieser Ort ist ein guter Ort.

Das deutsche Museum braucht die Initiative privater Sammler. Nur ihr Ehrgeiz kann unseren Museen neue Räume schaffen. Der Preis ist allerdings sehr hoch. Die Sammler wollen im Museum integriert sein. Sie denken nicht daran, daß bei uns Tradition unterbrochen, das Museum lange unterdrückt war, und daß es heute schwer ist, Breite zu gewinnen. Ich kann mir nicht vorstellen, es würde bei einem Museum, das gerade im Umbau ist, (wie dem Museum of Modern Art geschehen) pausenlos angerufen und gefragt, wann endlich das Museum wieder offen habe. Die Zigarette, die man so gern im Museumsgarten bei den Plastiken geraucht habe, schmecke einem nämlich nicht mehr. In Europa ist jede Berührung mit der Überlieferung spannungsgeladen.

Haben die Ideologen recht? Was kann der Westen ihnen entgegenhalten? Sind "400 000 Besucher der von Haftmann geleiteten Berliner National Galerie im ersten Jahr ihres Bestehens" eine Antwort? Die russischen Museen können dagegen Menschenschlangen, die am Museum anstehen, aufrechnen. Soll man überhaupt mit Zahlen antworten? Fragen wir doch einmal in den Oberschulen nach, wie oft die Schüler mit ihren Eltern im Zoo gewesen sind und ob auch nur ein einziges Mal in der Gemäldegalerie.