Mit Feiern und Fackeln, mit Reden und Rekorden beging die DDR den zwanzigsten Jahrestag ihrer Gründung. Höhepunkte der Festlichkeiten waren eine mehr als fünfstündige Veranstaltung in der Ostberliner Seelenbinder-Halle in Anwesenheit fast der gesamten Ostblock-Prominenz und eine Parade der Volksarmee, bei der zwei Millionen Zuschauer (laut Ostfernsehen) neue Mittelstreckenraketen bewundern konnten.

Der sowjetische KP-Chef Breschnjew warnte in seiner Rede auf der offiziellen Jubiläumsfeier den Westen davor, die Freundschaft zwischen der UdSSR und der DDR auf die Probe zu stellen: "Es wird sofort vernichtend zurückgeschlagen." Unter Hinweis auf die Entwicklung in der Bundesrepublik nach den Bundestagswahlen meinte er, sein Land trete für gutnachbarliche Beziehungen ein. Ulbricht, der in seiner Festrede eine Bilanz der letzten zwanzig Jahre zog, appellierte’ an die Bürger, der Bundesrepublik, die Realitäten anzuerkennen.

Der tschechoslowakische Parteichef Gustav. Husak erntete Beifall von den Delegationen aus. rund 80 Ländern, als er versicherte, daß die CSSR jetzt wieder ein fester Bestandteil des sozialistischen Lagers und des Warschauer Paktes sei. Die Ereignisse in seinem Land seien eine ernste Lehre auch für die anderen kommunistischen Parteien. Sie sollten daraus lernen, daß man Zersetzungsversuche nicht unterschätzen und auf keinen Fall von den Grundsätzen des Marxismus-Leninismus abweichen dürfe.

Der nordvietnamesische Ministerpräsident Pham van Dong verband in seiner Ansprache die Erklärung, das kommunistische Vietnam werde den Kampf gegen die "US-Imperialisten" bis zum Sieg fortsetzen und verstärken, mit der Beschuldigung gegen die Bundesrepublik, sie beteilige sich am Aggressionskrieg in Vietnam. Er forderte Bonn auf, das "verbrecherische Handeln" sofort einzustellen.

Zu einer militärischen Demonstration kam es am Mahnmal für die Opfer des Faschismus und Militarismus Unter den Linden. Mit einer Zeremonie, der das SED-Politbüromitglied Erich Honecker und DDR-Verteidigungsminister Heinz Hoff mann beiwohnten, wurden Urnen mit den sterblichen Überresten eines unbekannten Widerstandskämpfers und eines unbekannten Soldaten sowie Urnen mit Erde aus ehemaligen Konzentrationslagern und von Schlachtfeldern des Zweiten Weltkrieges im Innenraum des Mahnmals beigesetzt.

Rechtzeitig zum Jubiläum konnte Ulbricht in Ostberlin einen 365 m hohen Fernsehturm (das zweithöchste Bauwerk Europas) und ein farbiges Fernsehprogramm eröffnen. Auch in der Provinz wurde der Gründungstag gefeiert: mit zahlreichen Festveranstaltungen und Fackelzügen. Die Feldbauernbrigade der Produktionsgenossenschaft "Walter Ulbricht" im sächsischen Jahna-Kagen beging das Jubiläum auf ihre Weise: Sie bestellte sechs zusätzliche Hektar mit Spinat.