Mal schießen, der Herr?" Der Schießbudenbesitzer macht eine einladende Handbewegung. "Ich nicht", sagt der Herr, "aber sicher meine Frau." Die Frau läßt sich das Gewehr laden, der Mann und zwei Söhne gucken zu; sie klemmt "die Knarre" unter den Arm, kneift ein Auge zu, zielt, bis das Korn schön die Kimme ausfüllt, und schießt auf einen Blumenstengel. Die Frau bin ich.

Jedes Jahr gehe ich mit der Familie aufs Oktoberfest. Natürlich auch, weil einer dabei sein muß, der sagt, daß nach dreimal Zuckerwatte zu einer Mark endlich Schluß ist, daß kein Mensch eine halbe Stunde lang hintereinander Geisterbahn fährt, daß winzige Blechtrompeten zu zweifünfzig purer Nepp sind und jeder, der sie kauft, ein Esel ist. Doch das könnte ja notfalls auch der Vater. Im Grunde treibt mich anderes auf die Wies’n: Für mich ist jede Schießbude das, was für meine Kinder Eisverkäufer, Rodeo, Karussell und Scooter sind, unwiderstehliche Attraktion. Meistens braucht niemand erst aufzufordern: "Mal schießen, der Herr?" Ich komme von selber.

Ich schieße gern, und ich schieße auch ganz gut (und daß ich damit für mein Geschlecht kein Einzelfall bin, weiß ich). Söhne, Mann und ich, wir weiden uns an den spöttischen bis mitleidigen Blicken von Schießbudenbesitzern, und Umstehenden, wenn ich großspurig frage: "Na Jungs, was soll ich euch denn jetzt mal schießen?" Das gehört zum Spiel. Lässig geben die Kinder ihre Anweisungen, und Mutter schießt.

Nach dem ersten Treffer werden die Schießbudenbesitzer freundlich oder mißtrauisch; sie laden mit mehr Gefühl nach. Die Zuschauer sehen mich mit anderen Augen an, und die Söhne ernten von fremden Kindern neidgetrübte Blicke. Nonchalant verlassen wir mit bunten Federn, Blumen oder scheußlichen Teddybären im Arm die Stätte des Triumphes.

Meine Schießlust wurde ganz zufällig geweckt, als ich vor zweieinhalb Jahren eine Landespolizeischule besuchte, um mir die Schießausbildung anzusehen. Da kam jemand auf die Idee, daß ich’s auch mal versuchen müßte. Unerwartet, vor allem für mich selbst, traf ich immer wieder ins Schwarze; kein Schuß ging daneben. Ich habe meinem Talent nicht zu weiterer Blüte verholfen. Nur wenn irgendwo Jahrmarkt ist oder Kirmes, oder wenn das Oktoberfest mit seinen vielen, vielen Schießbuden losgeht, dann bricht mein "Naturtalent" sich stürmisch Bahn, dann fühle ich mich ganz "Annie" ("... get your gun", falls sich jemand erinnert).

Mit ruhiger Hand ziehe ich langsam den Abzug durch. C. J.