Von Hellmuth Karasek

Kurt Tucholsky hat die ersten zwei Antworten überliefert, die Karl Valentin einmal der Umfrage erteilte, was er sich wünschen würde, wenn ihm eine Fee drei Wünsche freistellte: "1. Ewige Gesundheit. 2. Einen Leibarzt."

Man sieht schon an dieser Antwort, welche Methode Valentins Unsinn hatte. Die beiden Wünsche, die sich widersprechen, ja aufheben, offenbaren im Nonsens die unaufhebbare Skepsis, die Valentins Witz auszeichnet. Es ist die Welterfahrung eines kleinen Mannes, der weiß, daß auch doppelt genäht alles zu reißen droht. Das Kunststück, das diese. beiden geäußerten Wünsche fertigbringen, ist es, mit der vollkommenen Naivität des Abstrusen Welteinsichten zu vermitteln, zu denen Denker das ganze feierliche Vokabular von Geworfenheit und nichtendem Nichts aufbieten müssen.

Valentin (der Wert darauf legte, Falentin und nicht Walentin ausgesprochen zu werden – "Ich frage ja auch nicht: ‚Wie geht es Ihrem Herrn Water‘", pflegte er auf eine falsch ausgesprochene Anrede zu antworten) ist zweifellos nach Nestroy das größte Clown-Genie der deutschen Sprache. Er zeigte, wie Brecht meinte, "die Unzulänglichkeit aller Dinge, einschließlich uns selber". Wie Nestroy war er Antipathetiker bis zum Exzeß – und das zu einer Zeit, da sein München auch von dem Hosenboden-Pathos des Kleinbürgers Hitler geschüttelt wurde. Wie bei Nestroy mußte man nach Valentins Tod glauben, daß mit seiner Darstellungskunst, die wiederum Brecht durchaus neben die von Charlie Chaplin stellte, auch seine Texte gestorben seien. Es gibt sie auf Schallplatten, es gibt Filme, Filme, die zugleich rührend unbeholfen und perfekt sind – aber Valentins Texte lassen sich, wie jetzt wieder das Buch

Karl Valentin: "Sturzflüge im Zuschauerraum" – Der gesammelten Werke anderer Teil, herausgegeben von Michel Schulte, mit einem Vorwort von Kurt Horwitz; R. Piper & Co. Verlag, München; 308 S., 17,80 DM

nachdrücklich beweist, das Monologe und Couplets, Dialoge, Szenen und Stücke vereint, auch "nur" lesen.

Es ist schade, daß Kurt Horwitz seine Erinnerung an Valentin vorwiegend dazu benutzt, festzustellen, daß Tucholsky und Kerr Valentin nicht verstanden hätten (warum, wird verschwiegen), und noch vorwiegender dazu, der guten alten Münchner Zeit nachzutrauern, um der Gegenwart ressentimentgeladene Ohrfeigen zu versetzen. Damals leuchtete München nicht, aber Schwabing leuchtete. Na schön. Die Feststellung, daß der junge Georg Trakl auf einem Flug nach Amerika mit der Gruppe 47 schwer vorstellbar sei, ist eigentlich recht blödsinnig, wenn man sie nicht als unfreiwilligen Beitrag zu einem Valentin-ähnlichen Grandler-Humor nehmen will. Und der fortgesetzte Stoßseufzer: "Was waren das noch für Zeiten, als Brecht und Wedekind erklärt leider auch nicht sehr viel.