Von Dietrich Strothmann

Adolf von Thadden, der Bonn im Sturm nehmen wollte, kam nur bis Kassel. Er scheiterte nicht am 28. September, als ihm knapp 0,7 Prozent zum Sprung über die Bundestagshürde fehlten; er erlebte sein Cannae bereits 13 Tage zuvor, als einer seiner Leibwächter nach einer verbotenen Wahlkundgebung eine Mauser-Pistole zog und schoß. Seit diesem 16. September geht die Nationaldemokratische Partei Deutschlands ihrem Ende entgegen. Ihr Geburtshelfer und Vorsitzender ahnt es selber. Nicht mehr Melancholie zeichnet sein Gesicht, sondern die Bitterkeit tiefer Resignation. Thadden bereitet sich auf seinen Abgang vor.

Gleichviel, ob Klaus Kolley in dem Auflauf der Kasseler NPD-Gegner nur einen "Warnschuß" abgab oder auch zwei Demons.ranten durch weitere Schüsse verletzte – die Partei trägt von nun an das Stigma der Gewalttätigkeit. Gebrandmarkt als Partei der Schläger war sie seit den Vorfällen im Frankfurter Cantate-Saal; jetzt wird sie zerbrechen an dem Verdammungsurteil, eine Partei der Schießwütigen zu sein.

Noch mag sich Thadden von seinem "Bundesbeauftragten für den Ordnungsdienst" Kolley nicht trennen. Er habe ihm loyal gedient, also sei er ihm, bis zum Urteilsspruch, ebenfalls Loyalität schuldig. Der Abteilungsleiter des Stuttgarter Fackel-Verlages, der ihm seine Wächterdienste angeboten habe, sei stets ein besonnener und ruhiger Mann gewesen. "In Kassel muß bei ihm eine Sicherung durchgebrannt sein."

Dennoch nimmt Thadden die Verantwortung auf sich, die "Endverantwortung", wie er es nennt. Denn er habe seine Dienstaufsicht nicht so "weitgehend ausgeübt, wie nötig und versprochen"; mit seiner "Politik der Klarstellung", nicht seine Parteileute seien gewalttätig, sondern seine Gegner, habe er Schiffbruch erlitten. Wenn Adolf von Thadden Mitte November auf dem 4. Bundesparteitag der NPD in Saarbrücken Rechenschaft ablegen muß, so wird er auch dieses Versagen eingestehen müssen. Seiner Wiederwahl als Parteichef steht, da es weit und breit keinen ernsthaften Konkurrenten gibt, nichts im Wege. Aber schon heute weiß er, daß er ein Parteichef auf der Verliererstraße sein wird. Wie schon im Fall der DRP wird er nur noch der Konkursverwalter einer "Nationalen Rechten" sein. Die NPD war seine letzte Hoffnung; sie ist es geblieben. Sein politisches Schicksal scheint besiegelt.

Thadden selber deutet den Rückzug an. Zwar steht auch in der letzten Ausgabe seines Parteiblattes, den "Deutschen Nachrichten", wieder zu lesen, die NPD sei das "letzte Bollwerk", die "Spitze des Widerstandes"; zwar will er vor dem Bundesverfassungsgericht die Bundestagswahl anfechten. All das aber ist nur ein Aufbäumen vor dem Untergang; es wird nicht mehr – um Thaddens neue Lieblingsvokabel zu benutzen – "kriegentscheidend" sein.

Seine Schlußrechnung ist einfach: Die neue Regierung wird, sobald sie im Amt ist, den angekündigten Antrag zum Verbot der NPD stellen, bestärkt nun vor allem durch den Kasseler Vorfall. Im nächsten Jahr, bei den Wahlen in fünf Bundesländern, wird die Partei noch mehr Stimmen einbüßen – als Folge der verlorenen Bundestagswahl, der Verbotsdrohung, der leeren Kassen und des Rufes, eine Partei der Schläger und Schießer zu sein. Und 1971, wenn die NPD sich in vier weiteren Ländern zur Wahl stellen sollte, werden ihre Chancen noch dürftiger sein – denn für dieses Jahr ist mit dem Karlsruher Spruch zu rechnen.

Nach dem, was in Frankfurt und in Kassel geschah, erwartet Adolf von Thadden, daß die Richter das Todesurteil über die NPD fällen werden. Aber schon jetzt wirkt der Anführer der "aufrechten Deutschen" wie der geschlagene Mann einer zerbrochenen Partei. Ihm bleibt nur noch die Rolle des Testamentvollstreckers.