Der Irritationseffekt, den die gewölbten Wellenstrukturen einer "Bewegungsstudie" von Vasarely hervorrufen, wird noch um einige Grade heftiger, wenn man sich das Entstehungsjahr vergegenwärtigt: 1939. Vasarely hat Tendenzen und Probleme, die in den sechziger Jahren aktuell wurden, vorweggenommen. Und es wird verständlich und einleuchtend, warum Bridget Riley und viele ihrer Kollegen manche Arbeiten als "Hommage à Vasarely" bezeichnen.

Die erste Vasarely-Monographie (Werner Spies: "Vasarely"; Verlag Gerd Hat je, Stuttgart; 21 S. Text und 71 Abb., 16,– DM) bringt viele Beispiele aus Vasarelys frühen Jahren, neben den "vorkinetischen" Studien auch einige surrealistische Bilder und Proben aus seiner Tätigkeit als Plakatentwerfer. Werner Spies, der mehrere Untersuchungen über Vasarely und die Probleme der Pop-Art und Kinetik veröffentlicht hat, gibt in seiner Monographie eine prägnante Analyse des Werks, das er als eine "Ikonographie der optischen Aggressivität" charakterisiert. Vor allem: er hält kritische Distanz, er konstatiert durchaus gewisse Inkonsequenzen, Unstimmigkeiten, die daraus resultieren, daß bei Vasarely immer eine impulsive Schaffensweise mit dem systematischen Denken in Konflikt gerät. Auch die seltsame Diskrepanz zwischen Ideologie und künstlerischer Praxis wird kritisch gesehen.

Vasarely, der den Begriff des "Künstlers" negiert, nicht nur im Sinne eines antiquierten Geniebegriffs, der die Anonymität des Herstellens propagiert und die individuelle Leistung durch das serielle System beliebiger Reproduzierbarkeit ersetzen will, produziert Arbeiten, die unverwechselbar Vasarely sind. Auch das mathematisierbare Werk verrät die eigene Persönlichkeit des Autors. Gottfried Sello