Von François Bondy

Was den Amerikanern seit Truman Capotes "Kaltblütig" der Roman ohne Erfindung ist, das ist den Franzosen gegenwärtig die unliterarische, elementare, sprudelnde, von dramatischem Erleben pralle Lebensgeschichte. Der große Autor dieser Saison, dessen Erfolg gewiß noch einige Saisons überdauern wird, heißt Henri Charrière, und sein Buch, das sehr wohl "Heißblütig" genannt werden konnte, trägt den Titel "Papillon", weil das im Milieu von Montmartre von 1933 und seither der Spitzname Charrières war, der sich auf eine seiner zahlreichen Tätowierungen bezog. Eine halbe Million Exemplare dieses umfangreichen Lebensberichtes – bei Robert Laffont – sind in diesen Wochen verkauft worden, und es ist erst ein Anfang. Henri Charrière ist der Direktor eines Luxusrestaurants in Caracas, ein angesehener Bürger Venezuelas, mit Frau und zwei Kindern. Durch ein Erdbeben verlor er – nicht zum erstenmal – seine Habe, und zu dieser Zeit erstand er in einer Buchhandlung die selbsterzählte Lebensgeschichte einer Kriminellen, der sowohl die Flucht aus dem Gefängnis wie der Einzug in die Literatur gelungen war: "L’Astragale" von Albertine Sarrazin.

Charrières Buch beginnt mit dem Prozeß. Ihm wurde ein Mord angelastet, der mit dem Namen "Papillon" in Verbindung stand, obgleich er nur einer von etlichen war, die diesen Spitznamen im Milieu trugen. Doch war die Polizei froh, einen bereits bekannten, jedoch noch nie erwischten Kassenknacker nach Guayana abzuschieben. Sein Unglück hatte freilich schon früher begonnen, durch eine Schlägerei in der Schule, in der er seinen Gegner mit einem Zirkel verletzt hatte; dann in der Kriegsmarine, wo er dabei erwischt wurde, wie er der vorgeschriebenen Baskenmütze, indem er sie sieden ließ, eine elegantere, aber vorschriftswidrige Form geben wollte, was ihm fünf Jahre in einem Strafbataillon in Korsika eintrug.

Die Deportation nach Cayenne war zur Zeit von Papillons Verurteilung bereits Gegenstand großer anklagender Zeugenberichte und Reportagen, wurde jedoch erst während des Krieges abgeschafft. Zuvor hatten dort Tausende von deportierten Kommunarden das Leben gelassen und Hauptmann Dreyfus seine unverdienten Strafjahre durchgestanden. Was an Charrières Buch fasziniert, ist die Unmittelbarkeit des Tones, die Fülle der Details, die er mit seinen Gedächtnisübungen während zwei Jahren Einzelhaft als wieder erwischter Verbannter erklärt. Wie immer sich hier Dichtung und Wahrheit mischen, es ist jedenfalls eine Fülle von zugleich glaubhaftem und unglaublichem Geschehen, mit so viel Temperament, Intensität und Spannung erzählt, daß der Leser, auch der literarisch anspruchsvolle, sich vom Bericht dieses begnadeten Autobiographen nicht mehr lösen kann. Da ist das paradiesische Zwischenspiel, nach der ersten "Cavale", wo er bei den Guajiro-Indios aufgenommen wird und mit zwei Schwestern lebt, denen er Nachwuchs beschert. Kein Geringerer als Claude Levi-Strauss hat seine Schilderung dieses Lebens bei den "Wilden" als durchaus wahrscheinlich anerkannt. Da ist die Schilderung, wie er einen Verräter ersticht, unter Umständen, die ihn mit einer geringen Strafe davonkommen lassen. Da ist die Schilderung des Treibens in einem Ameisenhügel, wo Papillon Strafarbeiter und Aufseher bemerkt und dabei derart fasziniert ist, daß er eben hier von Polizisten erwischt wird.

Handelt es sich um ein synthetisches Produkt, zu dem Charrière den Rohstoff und die passende Gestalt geliefert hat, während gewitzte Agenten und ghost writers das eigentliche Buch produzierten? Man kann es nicht wissen; doch hat Charriere schon vor Jahren für den Funk Episoden seines Lebens in der gleichen Art erzählt, und die langen, auf Band aufgenommenen Gespräche mit ihm, die jetzt in der Presse erschienen, sind in der Manier wie im Wortschatz unverkennbar vom Autor dieses Buches, das zwar bearbeitet wurde, aber wahrscheinlich doch als sein eigenes Werk gelten darf. Der Kritiker Jean-François Revel rühmt im Nachwort ein "Meisterwerk der gesprochenen Literatur", das er mit französischen mittelalterlichen Chroniken vergleicht. Doch begegnet der Leser hier nicht nur einem Ton, sondern vor allem einer Gestalt, und die ist ihm aus der populärsten französischen Literatur seit langem lieb und vertraut: es ist Edmond Dantes, der unschuldig eingekerkerte und später abenteuerlich entronnene "Graf von Monte Christo" des Alexandre Dumas; es sind die entronnenen Sträflinge Jean Valjean aus Victor Hugos "Die Elenden" und Vautrin aus den Romanen von Balzac. "Papillon" selber dachte an Dantes, wenn er bei seinen Fluchtversuchen stets seine Rachepläne schmiedete gegen jenen Staatsanwalt, der ihn so rhetorisch elegant vernichtet hatte, und auch jene "poulets" (Bullen), deren Hauptquartier im Quai des Orfèvres er in die Luft sprangen wollte. Jenseits der volkstümlichsten französischen Romane des 19. Jahrhunderts läßt aber Charrière nicht an eine Sträflingsgestalt, sondern an den Seefahrer Odysseus denken, wenn er mit seinen Gefährten im selbstgezimmerten Boot an unwirtliche Küsten treibt oder wenn er bei zwei indianischen Circen bleibt. Sein Bericht ist zwar "das nackte Leben", er ist aber auch wahrhaftig eine naive Odyssee.

Eine andere Saga hat, kaum erschienen, ebenfalls Aussicht auf ungewöhnlichen Erfolg, und zwar beim gleichen Verleger Robert Laffont. Es ist, von ihrer Halbschwester erzählt, die Geschichte der populärsten französischen Chansonniere, "La môme Piaf", die als erblindetes Kind in einem Bordell aufgezogen wurde und daher erst Zuhälter-hörig war, bevor ihr Ruhm sie zu sensationellen Liebesaffären führte, wie jene mit dem Boxer Cerdan, mit Yves Montand und ungefähr mit der ganzen Marine und Fremdenlegion, soweit sie blauäugig war – einer Eigenschaft, der sie nie widerstehen konnte. Durch Drogen, Alkohol und schließlich Krebs verwüstet, brach sie in ihren Auftritten in der Music Haß manchmal zusammen, raffte sich immer wieder auf und wurde schließlich auch durch ihren Kampf gegen den nahenden Tod zu einem fast unheimlichen Wesen. Mit ihrer gellenden und zugleich rauhen Stimme, mit der sie sich schon als Kind Spenden aus den höchsten Fenstern ersang, und durch ihre Herkunft von der "Gosse" war dieser Pariser Spatz etwas anderes als alle anderen berühmten Chansonnieren: ein Idol und ein Mythos, so wie Greta Garbo etwas anderes als alle anderen Filmschauspielerinnen gewesen ist. Ihre letzten, erfolgreichsten Songs waren von Moustaki geschrieben. Ihr letzter, um sehr vieles jüngerer Gefährte, den sie am Schluß noch heiratete, war ein Coiffeur, aus dem sie, wie aus vielen vor ihm, einen Star machen wollte. Dieses Buch ist durch einen braintrust der Agentur "Opera Mundi" entstanden. Die Halbschwester Simone Berteaut, die es zu signieren bereit war, fand sich erst später.

Jean-François Revel schreibt in seinem Nachwort, solche erzählte Literatur wie "Papillon" sei unvergleichlich interessanter als die ewige Nabelschau des "nouveau roman und der immer wiederkehrende Roman über den Schriftsteller, der dabei ist, einen Roman zu schreiben. Im literarischen Gespräch wird heute in Paris kein Gedanke so häufig und überzeugt ausgesprochen wie eben dieser.