Phantastischer Akrobat – Seite 1

Von K. H. Kramberg

Seit Arno Schmidt uns Wilkie Collins’ "Frau in Weiß" übersetzte, benötigt der Apologet des herzhaft Unseriösen in der schönen Literatur kein fadenscheiniges Alibi mehr. Was unter den Firmamenten der literarischen baute couture der Drang nach Vollendung und oder die Begegnung mit dem Vollkommenen heißt, hat dieser unvergleichliche Sensationsroman aus dem Elysium der viktorianischen Subkultur so "gültig" zuwege gebracht, daß jedes zweite oder dritte Buch des gleichen Autors es sich gefallen lassen muß, an diesem Meisterstück gemessen zu werden. Aber jede Voreingenommenheit, besonders die durch das Exquisite, stört ja nicht nur die Dispositionen des kritischen Urteilsvermögens, sondern auch die auf den naiven Genuß spezialisierten Organe. Und deshalb sei den Lesern dieses für uns neuen Groß-Schmökers

Wilkie Collins: "Lucilla", aus dem Englischen von Eva Schönfeld; Henry Goverts Verlag, Stuttgart; 474 S., 24,– DM

empfohlen, die Dame in Weiß provisorisch aus ihrem Gedächtnis zu tilgen und alle verfügbaren Kräfte des Herzens, des Witzes, des Scharfsinns, des Nervensystems und der Seele durchaus auf "Poor Miss Finch" (so der Titel des englischen Originals) zu verschwenden.

Diese Übung fällt leicht; wir brauchen dabei nur dem guten Geist, dem beredten Ich der Erzählung gehorsam zu folgen, denn es handelt sich, das merkt man sogleich, um eine ebenso großherzige wie resolute Person: Madame Pratolongo, Witwe des gefeierten südamerikanischen Nationalhelden Doktor Pratolongo, durch Not gezwungen und von Temperaments wegen geeignet, ihren Mann zu stehen in einer unter dem Joch der Ausbeutung seufzenden Welt, und bei aller Skepsis gegen die menschliche Sklavennatur durchdrungen vom echt Pratolongoschen Feuergeist, dem heiligen Glauben an den Sieg des Guten, des Sozialismus und der Weltrevolution.

Ach, nicht umsonst hat Madame Pratolongo, kaum las sie die diesbezügliche Zeitungsannonce, ihr großes starkes Herz an dieses – wie anders? – engelsreine Wesen verloren, das hilfsbedürftig und reich, Waise und Jungfrau, seit früher Kindheit erblindet, von den Greueln des modernen Gesellschaftslebens um 1871 (in diesem Jahr erschien der Roman) dank einer ebenso unglücklichen wie gütigen Fügung der Natur nichts wissen zu müssen braucht. Ach, bliebe sie doch auf immer geborgen in dieser empfindsamen Nacht ihrer Blindheit, die süße, die kapriziöse, die unschuldsvolle, ein wenig trotzköpfchenhafte, engelsreine Lucilla! Ach, bliebe sie doch ... (kein Wort mehr! Es empfiehlt sich übrigens, der vorweggedruckten Inhaltsangabe und dem, was die Kapitelüberschriften verraten, einfach nicht zu glauben).

Dabei ist die epische Perspektive alles andere als trist. Denn Madame Pratolongo kann bei ihrer Niederschrift nicht verhehlen, wie sehr es ihr Spaß macht, Schicksal spielen zu dürfen in einer Tragödie der Liebe und der Leidenschaft, über deren Ausmaß hier nur so viel angedeutet werden soll, daß dabei zwei Zwillingsbrüder im Spiel sind, einander so ähnlich, daß selbst der Sehende sie kaum zu unterscheiden vermag, und doch so wesensverschieden wie die Begriffe dumm und intelligent, fleißig und faul, gut und böse. Schurkisch der eine, will sagen, der Intelligente, von reiner Güte und edler Einfalt des Herzens der andere, der mehr zur Blödigkeit neigt.

Phantastischer Akrobat – Seite 2

Es verknüpft sich in dieser hocherotischen, aber das Schamgefühl des Lesers und des viktorianischen Zensors mit kaum einer Silbe herausfordernden, jedoch an den detektivischen Scharfsinn gezielt appellierenden Handlung die biblische Kain-und-Abel-Konstellation mit dem bekannten Doppelgängermotiv der Romantik. Das scheint so einfach und ist, durchdenkt man es nur mit der von Wilkie Collins freigiebig eingestreuten Ironie, doch äußerst kunstvoll ertüftelt.

Die sublime Kriminalstory (auch hier geht es ja um ein Rätsel und seine Lösung) ist zwar weniger bunt gefächert als die des Meisterwerkes, aber doch geräumig genug, um atmosphärisches Kulissenspiel und wie zu lebenden Bildern gruppierte Komödiensituationen unterzubringen, und bei aller Unwahrscheinlichkeit der Konstruktion erweist sich die Auflösung des Rätsels als ein akrobatisches Kunststück der Logik.

Den Vorwurf der Unwahrscheinlichkeit, der ja auch, wo es sich um Phantasiegeschichten handelt, ein ziemlich dummer ist, hat Collins im Prolog seines Buches vorweggenommen und lustig ad absurdum geführt.

Sein Schreibtisch, behauptet er, sei voll von wahren Geschichten, die könne man aber nicht drucken, so unglaublich seien die Geschichten, die das Leben erfindet. Da sei es doch schon besser, den Lesern einen Roman wie diesen zuzumuten. Und im übrigen habe er, der Autor, dabei ein höchst seriöses Motiv. Nämlich: "Ich bin ein unbedingter Anhänger des Glaubenssatzes, daß unser irdisches Glück von körperlichen Leiden unabhängig ist, ja, daß Leiden sogar in manchen Fällen Voraussetzung und Bestandteil des Glücks sein kann. Um diesen Satz zu verfechten, habe ich meine ‚Poor Miss Finch‘ geschrieben."

Die Wahrheit dieser tiefsinnigen Banalität verhält sich spiegelverkehrt zum banalen Tiefsinn der unglaublichen Geschichte von Kain und Abel und der blinden Jungfrau, die lieber gar nichts sehen als alles wissen wollte.