Es verknüpft sich in dieser hocherotischen, aber das Schamgefühl des Lesers und des viktorianischen Zensors mit kaum einer Silbe herausfordernden, jedoch an den detektivischen Scharfsinn gezielt appellierenden Handlung die biblische Kain-und-Abel-Konstellation mit dem bekannten Doppelgängermotiv der Romantik. Das scheint so einfach und ist, durchdenkt man es nur mit der von Wilkie Collins freigiebig eingestreuten Ironie, doch äußerst kunstvoll ertüftelt.

Die sublime Kriminalstory (auch hier geht es ja um ein Rätsel und seine Lösung) ist zwar weniger bunt gefächert als die des Meisterwerkes, aber doch geräumig genug, um atmosphärisches Kulissenspiel und wie zu lebenden Bildern gruppierte Komödiensituationen unterzubringen, und bei aller Unwahrscheinlichkeit der Konstruktion erweist sich die Auflösung des Rätsels als ein akrobatisches Kunststück der Logik.

Den Vorwurf der Unwahrscheinlichkeit, der ja auch, wo es sich um Phantasiegeschichten handelt, ein ziemlich dummer ist, hat Collins im Prolog seines Buches vorweggenommen und lustig ad absurdum geführt.

Sein Schreibtisch, behauptet er, sei voll von wahren Geschichten, die könne man aber nicht drucken, so unglaublich seien die Geschichten, die das Leben erfindet. Da sei es doch schon besser, den Lesern einen Roman wie diesen zuzumuten. Und im übrigen habe er, der Autor, dabei ein höchst seriöses Motiv. Nämlich: "Ich bin ein unbedingter Anhänger des Glaubenssatzes, daß unser irdisches Glück von körperlichen Leiden unabhängig ist, ja, daß Leiden sogar in manchen Fällen Voraussetzung und Bestandteil des Glücks sein kann. Um diesen Satz zu verfechten, habe ich meine ‚Poor Miss Finch‘ geschrieben."

Die Wahrheit dieser tiefsinnigen Banalität verhält sich spiegelverkehrt zum banalen Tiefsinn der unglaublichen Geschichte von Kain und Abel und der blinden Jungfrau, die lieber gar nichts sehen als alles wissen wollte.