Ihre ersten Schlagzeilen erhielten sie Anfang Juli. Damals hießen sie "Rebellen", ihre Zusammenkunft galt als "Revolte", man sah sie "demonstrieren", und ihre Resolutionen galten als "aufhetzende Pamphlete". Die einhundertzwanzig Vertreter europäischer Priestergruppen, die sich damals im schweizerischen Chur trafen, waren in der Erwartung gekommen, daß ihre Vorgesetzten, die Bischöfe, die bei einem Symposium über die "Priester in der Welt und in der Kirche von heute" philosophierten, sie mitreden lassen würden. Allein, die hohen Herren ließen sie nicht einmal ins Haus.

Am kommenden Wochenende versammeln sich in Rom 145 Bischöfe zu ihrer ersten außerordentlichen Weltsynode: 19 Kardinäle, die eine "Kurienkongegration" leiten, also die Minister der vatikanischen Zentralregierung, 93 Präsidenten nationaler Bischofskonferenzen, also die Ministerpräsidenten der kirchlichen Nationalregierungen, 17 vom Papst persönlich berufene Würdenträger, 13 Oberhäupter der Ostkirche und 3 Vertreter der Ordensmänner. In dieser Situation nehmen die oppositionellen Priester einen zweiten Anlauf: Sie tagen zur gleichen Zeit, freilich 800 Meter von ihren Oberhirten entfernt.

Während die Bischöfe im vatikanischen "Saal der zerbrochenen Töpfe" beraten, treffen sich die Priester in der Aula magna der Waldenser-Fakultät (Waldenser: eine Laienbewegung des 12. Jahrhunderts; Armut, Wanderpredigt, nur drei Sakramente; durch Kirchenbann und Inquisition unterdrückt, heute in die evangelischen Landeskirchen eingegangen). Kein katholisches Haus wollte die Priester aufnehmen; jetzt sehen sie die Übereinkunft mit den Waldensern als einen "Akt des praktischen Ökumenismus" an.

Und während die Bischöfe sich das juridischtheoretische "Schema" für ihre Beratungen ("Die engere Einheit zwischen den Bischofskonferenzen und dem Apostolischen Stuhl und zwischen den Konferenzen untereinander") von oben diktieren lassen mußten, kommt die Anregung für das Motto der Priestergruppen von unten, von der "Basis": "Die Kirche befreien für die Befreiung der Welt." Mag diese Formulierung auch katholisch-diffus klingen – dahinter stehen praxisbezogene Überlegungen.

Was sind das für Priestergruppen, die sich mit ihren Bischöfen und der kirchlichen Zentralregierung, der Kurie, anlegen wollen? Wer sind ihre Mitglieder, und was wollen sie?

Ein Beispiel für viele: Heidelberg. 1967 treffen sich hier katholische Religionslehrer und Kapläne (auch evangelische Vikare sind dabei). Ihre Themen: Jugendseelsorge, Religionsunterricht, ökumenische Gottesdienste, Praxis der Mischehentrauung, aktualitätsbezogene Predigt. Erste Erkenntnis: Notwendige Reformen und Anpassungen werden von oben blockiert. Februar 1968: Der inzwischen auf 30 Teilnehmer angewachsene Kreis möchte an die Geistlichen der Diözese Freiburg ein Memorandum über notwendige Aktionen versenden: "... fordert von allen, die um den der Kirche aufgetragenen Dienst besorgt sind, daß sie brechen mit aller überängstlichen Vorsicht im Umgang mit veralteten Traditionen ...". Noch sind die Ziele unklar formuliert: Freiheit und gegenseitige Information, Strukturreform, Öffentlichkeit statt Geheimdiplomatie, Mitverantwortung bei der Bischofswahl. Die Behörde erhebt Einspruch gegen den allgemeinen Versand des Memorandums.

Juni 1968: Auf der Bühler Höhe treffen sich die Heidelberger mit gleichgesinnten Geistlichen aus der Diözese Freiburg. Noch keine konkreten Ergebnisse. November 1968: zweites Bühler Treffen mit theoretisch unterbauten Diskussionen; erste Resolution über "Kirche und Öffentlichkeit".