Von Adolf Metzner

Den perfekten sportlichen Triumph – seit 15 Jahren systematisch vorbereitet – errang die DDR in Athen bei den neunten Europameisterschaften in der Leichtathletik. Sie wird ihn nach Plan politisch umzumünzen verstehen. Im bundesdeutschen Lager in Vouliagmeni am Saronischen Golf brach dagegen die große Ratlosigkeit aus, die sich in endlosen Diskussionen bis in die Nächte hinein äußerte.

Während die westlichen Funktionäre des Internationalen Leichtathletikverbandes (IAAF), die Engländer Marquess of Exeter und Pain sowie der Holländer Paulen, in fortwährenden Konzessionen, ja Kapitulationen des deutschen Leichtathletik-Verbandes (DLV) gegenüber den DDR-Forderungen offenbar die einzige Möglichkeit sehen, einen gesamteuropäischen Sport aufrechtzuerhalten, praktizierten die westdeutschen Athleten in letzter Minute den Boykott in Form des Wettkampf-Streikes. Man habe schwer mit sich gerungen und es sich nicht leichtgemacht mit dieser Entscheidung, so war zu hören, die doch ein Opfer darstelle. Aber im Sport wiegt nur der Erfolg. Athleten, die nicht antreten, kriegen ihre Goldmedaillen höchstens von "Bild", und die zählen nicht.

Hat nun der Boykott wenigstens in der Sache gelohnt? Wenn es wirklich gelingt, im nächsten Sommer beim IAAF-Kongreß in Stockholm die Änderung des berüchtigten Paragraphen 12 in den IAAF-Statuten herbeizuführen, wodurch die Sperre bei einem Wechsel von Deutschland-Ost nach Deutschland – so die offiziellen Bezeichnungen – von drei auf ein Jahr herabgesetzt würde, wäre das ein beachtlicher Erfolg. Denn drei Jahre Sperre von IAAF-Veranstaltungen sind für einen Sprinter schon beinahe lebenslänglich, ein Jahr aber kann er überbrücken.

Sollte es zu dieser Statutenänderung kommen – die Ostblockstaaten werden alles aufbieten, um sie zu verhindern –, wäre dies vor allem ein Ergebnis der zweistündigen Diskussion der deutschen Mannschaftsvertreter mit dem Marquess of Exeter. Jedenfalls soll der frühere Olympiasieger – als solcher hieß er noch Lord Burghley – von den Argumenten der jungen deutschen Himmelstürmer beeindruckt gewesen sein.

Um ihren Freund Jürgen May doch noch an den Start zu bringen, war dieser Boykott aber nicht durchschlagend genug, wenn überhaupt eine solche Möglichkeit bestand. Dann hätten sich schon alle Mannschaften des Westens solidarisch erklären müssen, davon konnte aber keine Rede sein. Sportboykotte einzelner Nationalmannschaften lösen in der freien Welt keine Kettenreaktion aus, ganz im Gegensatz zum Ostblock oder zu Afrika, wo die ideologische und politische Macht allein entscheidet und die Sportfunktionäre zu parieren haben.

Als 1965 unter dem Eindruck der Budapester Tragödie die Schweizer Olympiamannschaft beschloß, aus Protest nicht zur Olympiade nach Melbourne zu reisen, erklärte sich allein Holland solidarisch, alle übrigen nahmen teil.